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15.09.2015 | | Lifestyle

Wie bekommt man den Hass aus den Köpfen?

hate hashtag

Hass ist nicht nur eine der sieben Todsünden, sondern auch eines der gefährlichsten Gefühle, das ein Mensch empfinden kann und das die Abgründe der menschlichen Seele aufzeigt. Katrin Göring-Eckardt hat in der letzten Woche einen wichtigen Schritt getan, um auf den immer stärker ausufernden Hass in den sozialen Netzwerken zu reagieren. Aufgrund ihres Einsatzes für die Flüchtlinge sah sie sich auf Facebook mit menschenverachtenden Kommentaren konfrontiert. Die Möglichkeit zur freien „Meinungsäußerung“ treibt im Web seit einiger Zeit abscheuliche Blüten – dies bekommt nicht nur die Politikerin zu spüren. Egal ob man einer Volksgruppe oder einer Religion angehört, beziehungsweise eine sexuelle Ausrichtung hat, die bestimmten Personen nicht passt, werden Kommentare verfasst, die jeder Menschlichkeit entbehren. Das Internet bietet aufgrund seiner Offenheit und der globalen Vernetzung zwar äußerst demokratische Möglichkeiten zur Meinungsäußerung; was sich manche allerdings unter dem Deckmantel der „freien Meinungsäußerung“ – Stichwort: „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen…“ – herausnehmen hat nichts damit zu tun. Es geht schlicht und einfach darum, andere zu diffamieren und zu beschimpfen. Drohungen, Anfeindungen etc. sind eben keine Meinungen. Und sobald eine Meinung gegen die Menschenrechte oder andere geltende Gesetze verstößt, sind sie eben auch nicht zulässig – Gott sei dank.

Da die sozialen Netzwerke allerdings gerade von Personen mit fragwürdiger Gesinnung dazu entdeckt wurden, ihre kruden Vorstellungen zu verbreiten, droht hier Gefahr. Facebook & Co. stellen ein Sprachrohr da, da man durch sie – aufgrund ihrer schieren Nutzerzahl – immer auf offene Ohren von genügend Personen stößt, die ebenso absurde Ansichten haben. Und hierzu zählen bei weitem nicht nur Personen am äußersten rechten Rand, sondern auch der sonst so nette Nachbar oder die Verkäuferin im Tante-Emma-Laden. Kommt die Diskussion auf bestimmte Themen zeigen viele Menschen erst ihr wahres, hassverzerrtes Gesicht. Dabei ist ganz klar diffuse Angst ihr Antrieb. Beim Thema „Flüchtlinge“ befürchten sie, dass diese ihnen ihre Jobs wegnehmen, sie bestehlen, für Unruhe sorgen und Islamisierung betreiben. Die Homosexuellen zerstören die Kultur und sorgen für das Ende der Menschheit, indem sie nachfolgende Generationen schwul machen. Diese diffusen – oder eher konfusen – Ängste bestehen seit Anbeginn der Menschheit und sind ein wiederkehrendes Muster. Dabei hetzten bestimmte Bevölkerungsgruppen mal gegen Juden, mal gegen Wölfe und mal gegen „Hexen“ – mit fatalen Folgen für die diffamierten Gruppen. Leider gibt es genügend Menschen, die nicht fähig sind, ihre Ängste objektiv zu betrachten, zu hinterfragen und so beseitigen zu können. Bei einer panischen Höhenangst ist einem schließlich auch nicht geholfen, dazu aufzurufen, alle Hochhäuser abreißen zu lassen.

Im Web finden sich aber immer mehr Menschen, die denken, sie dürften hier posten, was sie wollen. Allerdings schaltet sich nun langsam die Politik ein und fordert von den sozialen Netzwerken, dass sie rigider gegen Hasskommentare vorgehen. Doch damit würde man nur Symptome und nicht die Krankheit bekämpfen. Viel sinnvoller wäre es darum, den Hass aus den Köpfen zu bekommen. Dies erfordert allerdings Zeit, Geduld und vor allem Ideen, wie man diese Sysiphosarbeit überhaupt angehen soll – ein Umdenken muss schließlich bei jedem selbst geschehen. Da zu befürchten ist, dass dies aber wesentlich länger dauern würde und in der Zeit bis dahin sich aufgrund der aufgeheizten Stimmung noch mehr Menschen auf die Seite der „Kritiker“ schlagen, müssen bereits jetzt kurzfristige Maßnahmen ergriffen werden. Und hierzu gehört es, dass Kommentare, die klar gegen geltende Normen unserer Gesellschaft stoßen, gelöscht werden. Lediglich voranzuschieben „das wird man ja noch sagen dürfen“ oder „ich habe ja nichts gegen XYZ“ ist ein allzu durchschaubarer Taschenspielertrick, auf den in den meisten Fällen keine Meinung folgt, sondern eine Anfeindung. Wenn eine Äußerung gegen bestehende Normen verstößt, wird man sie nicht „ja noch mal so sagen dürfen“ – es geht hier schließlich nicht darum, ob man lieber rote oder grüne Äpfel isst!

Darum heißt es: Hate Speeches müssen gelöscht werden und gleichzeitig muss man es irgendwie schaffen, ein Umdenken herbeizuführen. Vielleicht ist die Flüchtlingswelle unsere Chance zu erkennen, dass Angst ein schlechter Berater ist und dass uns Offenheit gegenüber Fremden, Andersdenkenden, Andersliebenden und Neuem besser steht als die Jahrhunderte alte Skepsis. Ja, das mag träumerisch klingen, aber das wird man ja wohl noch sagen dürfe

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