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29.04.2014 | | Lifestyle

Zalando, Burger King & Co.: Investigativjournalismus oder radikale Hetzjagd?

Aufschrei2

Günter Wallraff war wieder unterwegs (beziehungsweise ist sein Team ausgezogen, um die Welt zu retten). Der griesgrämige Enthüllungsjournalist hat im Rahmen seiner neuen RTL-Sendung „Team Wallraff“ Missstände bei Burger King beziehungsweise in den Filialen eines bestimmten Franchisenehmers aufgedeckt. Vor kurzem war ja erst Zalando – oder „Sklavando“, wie es seither gerne genannt wird – ins Visier des höchst seriösen, investigativen Super-Senders geraten.

Beiden Unternehmen gemein sind, den aufdeckenden Journalisten zufolge, unmenschliche Arbeitsbedingungen. So zählt bei Zalando überraschenderweise das Sitzen nicht zu den Aufgaben der sogenannten Picker, die Waren im Lager ein- und ausräumen. Die Arbeiter müssen dabei doch tatsächlich laufen und stehen. Skandal!

Nun aber zu Burger King. Wo soll man da bloß anfangen? Vielleicht bei meiner Lieblingsszene: Der von Wallraffzahn ins Rennen geschickte Undercover-Reporter muss in den Hof zu den Mülltonnen und auf dem sich stapelnden Abfall rumtrampeln, damit noch etwas mehr in den Container passt. Sicher ist es fragwürdig, dass er das in seiner Arbeitskluft tut, die ihn danach wieder in der Küche schmückt, aber dies mit den Worten „Ich wurde als menschliche Müllpresse missbraucht“ zu kommentieren, hat mich dann doch irgendwie belustigt. Dramatisierung ist das Zauberwort. Dazu trägt auch die bedrohlich anmutende Hintergrundmusik bei – eben alles bestens für den typischen RTL-Zuschauer aufbereitet.

Weiter geht’s mit noch mehr arbeitsrechtlichen Fehlschlägen. Thema: Gehalt. Als Burgerschubse verdient man knapp 1.200 Euro brutto im Monat. Aufschrei!!! Davon kann man doch keine Familie ernähren!!! Ja… ich unterstelle mal einen Hauch Weltfremdheit, wenn man mit dem Anspruch in eine Fast Food-Kette geht, der dortige Verdienst würde die gesamten Mäuler einer drei- bis vierköpfigen Familie stopfen. Aber der Aufschrei wird noch lauter: Die geringfügig Beschäftigten erhalten weder Weihnachts- noch Urlaubsgeld und auch sonst keine Zuschläge. Na sowas! Ungelernte Arbeiter, deren Schulbildung sich vermutlich rund um den Hauptschulabschluss bewegen dürfte (Nebenjob-Studenten natürlich ausgenommen), machen keinen großen Reibach in der Burgerbraterei. Immerhin bekommen sie aber alle Stunden, die sie schuften, bezahlt – auch Überstunden. Dieser vermeintliche Skandal bringt mich erneut zum Schmunzeln. Warum? Werfen wir doch mal einen Blick in die Medienbranche: Hier arbeiten in der Regel Akademiker, gut ausgebildete Leute. Einen entsprechenden Verdienst gibt es meist nur in großen Unternehmen – Stellen, die begehrt und nur für die wenigsten erreichbar sind. Nicht selten hört man von Menschen, die auch nach vielen Jahren im Beruf mit 1.500 bis 2.000 Euro brutto abgespeist werden. Urlaubsgeld? Weihnachtsgeld? Im Leben nicht! Bezahlte Überstunden? Selbstverständlich auch nicht, die sind ja schließlich schon mit dem „üppigen“ Gehalt abgegolten.

Wenn ich dann noch an die Situation der Menschen in Pflegeberufen denke, Menschen, die einen der wichtigsten Dienste überhaupt leisten, wird mir ganz schlecht. Dass da ein solcher Aufriss wegen den ach so schlechten Bedingungen in Burgerbuden gemacht wird, ist einfach lächerlich. Ein weiterer Aufreger war übrigens, dass Burger innerhalb von 20 Sekunden fertig sein müssen. Ist das wirklich überraschend? An der Kasse häufen sich hungrige Kunden, die natürlich nicht ewig und drei Tage auf ihr schnelles Essen (Fast Food, nicht Slow Food, merkt ihr was?) warten wollen. Sicherlich hat man die richtigen Handgriffe in den ersten Tagen noch nicht sofort raus, aber mit der Zeit entwickelt man doch eine Routine, die fertige Burger in 20 Sekunden auf den Tisch bringt. Vor allem vor dem Hintergrund, dass der jammernde Undercover-Reporter schlicht zu unfähig war, die Burger ins Papier zu wickeln und die meiste Zeit mit diesem anspruchsvollen Vorgang verplempert hat.

Ein ebenfalls wichtiger Punkt auf der Tagesordnung war das Anwaltsbashing. Helmut Naujoks ist ein Jurist, der sich ausschließlich auf das Arbeitgeberrecht spezialisiert hat und seiner eigenen Aussage nach auch vermeintlich unkündbare Mitarbeiter aus dem Unternehmen schafft. Oh, da war der Wallraffsche Aufschrei natürlich besonders groß! Wo kommen wir denn hin, wenn auch die Arbeitgeber Rechte haben? Naujoks schaltet Detektive ein und schmeißt sogar Betriebsratsmitglieder raus. Und wieder: Skandal!!! Dass auch ein Betriebsratsmitglied ein geschäftsschädigender Vollhorst sein kann, liegt natürlich weit außerhalb des möglichen Bereichs. In Wallraffs Welt gibt es ausschließlich Schwarz und Weiß, die vielen Abstufungen dazwischen werden einfach unter den Teppich gekehrt.

Noch ein kleiner Exkurs zu den hygienischen Zuständen. Tomaten dürfen vier Stunden herumliegen, bis sie weggeschmissen werden sollten. In den betroffenen Filialen wird das Gemüse aber einfach umettikettiert und weitere vier Stunden zwischen Burgerhälften gelegt. Das ist natürlich nicht die feine englische Art, aber seien wir mal ehrlich: Würde jemand von uns auf die Idee kommen, Tomaten in die Tonne zu kloppen, wenn wir sie vier Stunden lang nicht gegessen haben? Auch an dieser Stelle wird für mein Empfinden etwas zu sehr dramatisiert. Eine weitere schöne Szene: Herr Super-Reporter entdeckt auf einer Bulette ein Haar. Er weist die schuldige Mitarbeiterin darauf hin, die es „scheiße, scheiße, scheiße“ murmelnd entfernt. Klar, Haar im Essen ist Mist, das will niemand haben. ABER: So etwas (wie höchstwahrscheinlich auch all die anderen hygienischen Vergehen) bleibt auch im besten Sternerestaurant nicht aus. Keine Entschludigung, aber das kann nunmal jedem passieren. Daran gestorben ist wohl noch niemand…

Wir Medienmenschen wissen, wie solche Reportagen entstehen. Sie werden überdramatisiert, die negativen Erlebnisse zum Teil forciert, sie zeigen ausschließlich eine Seite der Medaille und unterstreichen die Berichterstattung mit dunkler Musik und dem stetig in die Kamera gehaltenen, erhobenen Zeigefinger. Wir nehmen diese Hetze nicht per se für bare Münze, sondern ziehen etwa die Hälfte des Gezeigten ab. Menschen, die sich damit aber nicht so eingehend beschäftigen, glauben, was sie da sehen. Das zeigen zum Beispiel die wütenden Kommentare auf der Burger King (oder Zalando) Facebookpage.

Solche Reportagen gehen radikal vor und bilden nur einen Teil der Wirklichkeit ab. Sie sind undifferenziert und betreiben Schwarzmalerei. Leider springen die Zuschauer immer wieder drauf an, weshalb diese Art der Berichterstattung weiter Erfolg haben wird. Gleichzeitig birgt sie aber eine gewisse Gefahr und hetzt Menschen auf – wie eigentlich alles, was radikal ist. Es geht hier nicht darum, schlechte Bedingungen herunterzuspielen, sondern darum, einen Blick auf das komplette Bild zu werfen und nicht nur auf einen kleinen, dunklen Ausschnitt. 

Daher unser Appell: Bloß nicht alles uneingeschränkt glauben, was uns das Fernsehen vorsetzt, sondern das Gesehene für sich selbst differenzieren, wenn es der Sender schon nicht tut.

Autor: Jasmina Luchs

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