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10.02.2014 | | Lifestyle

Von Blattfressern und Ernährungskranken

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Wie sagt man so schön? Jedem Tierchen sein Plaisirchen. Das gilt selbstverständlich in allen Bereichen der – Achtung Buzzword – realen Lebenswelten. Wenn sich Pärchen in Pandabärkostümen in ihren SM-Kellern gegenseitig mit der neunschwänzigen Katze das Hirn aus dem Leib prügeln oder wenn sich trottelige Tübinger Trüffelschweinbauern bei einschlägigen RTL-Formaten zum Affen machen lassen – alles was recht ist, ist erlaubt.

Sobald es allerdings die Lebenswelt anderer Menschen empfindlich stört, sollte Schluss sein. Und hier kommen penetrante Veganer und die neumodischen Ernährungskranken ins Spiel. Jeder sollte natürlich das Essen, was er will oder eben das nicht essen, was er nicht will. Und grundsätzlich würde keiner von uns niedliche Schweinchen futtern, wenn sie nicht so lecker wären. Aber bitte, bitte, nervt uns nicht mit Eurer Essens-Restriktion. Wie ihr euch entschieden habt, auf Fleisch zu verzichten, haben wir für dessen Genuss entschieden. Wer jemals versucht hat, mit einem Veganer der penetranten Sorte essen zu gehen, weiß, was hier gemeint ist. Grundsätzlich fallen alle Restaurants aus, die auch nur annähernd in einem Umkreis von 50 Kilometern an eine Schlachterei grenzen. Und von einer Einladung zu sich nach Hause sei auch abgeraten. Dann heißt es nämlich schon im Vorfeld: Honig verstecken, Lederschuhe verbrennen und die Salamistulle vom Vorabend schnell verschlingen – und dann kann der Spaß beginnen: bei Tofuwürstchen, Seitanschaschlik, Quorn-Burger, Hack aus Reiscrackern & Co. Wenn man schon auf Fleisch verzichtet, warum muss man dann alles daran setzen, diesem mit Ersatzprodukten und Unmengen an Zusatzstoffen so nah wie möglich zu kommen?

Viel schlimmer als die dann doch recht harmlosen Penetrant-Veganer sind die Nahrungsmittel-Phobiker. Wer hat in den letzten Jahren nicht auch ständig Sätze gehört, wie „Lactose vertrage ich ja mal so gar nicht“ oder „Gluten? Bist du verrückt?“. Dabei geht es vielen nicht darum, bestimmte Nahrungsmittel zu vermeiden, die sie wirklich nicht vertragen, sondern sich mit einer vorgeschobenen Unverträglichkeit interessant zu machen. Ein Schlag ins Gesicht derer, die wirklich eine Unverträglichkeit haben und damit mitunter große Einschränkungen in Kauf nehmen müssen. Unter Zöliakie (Autoimmunerkrankung aufgrund einer Unverträglichkeit von Gluten) leiden zum Beispiel nur 0,1 bis 1 Prozent der deutschen Bevölkerung. Dann sieht man allerdings die Muttis aus dem Prenzlauer Berg im LPG kiloweise glutenfreies Brot wie die Hamster für ihre Familie horten und sich süffisant zur Nachbarin in der Schlange umdrehen: „Der kleine Maximilian vertägt kein Gluten, Luca darf kein Histamin essen, bei mir ist es die Lactose und mein Mann Jonathan bekommt Atemnot von Wasser“. Da fragt man sich doch, ob die wohl wirklich alle eine Unverträglichkeit haben…

Vielmehr kommt es einem so vor, als trainierten sie ihren Kindern schon in jungen Jahren „Besonderheiten“ an – Individualität und Auffallen um jeden Preis in einer Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit die neue Währung ist. Wer nicht mit Chinesisch-Kenntnissen, einer Mitgliedschaft bei MENSA – dem Hochbegabten-Club–, einen wahnsinnig einmaligen Style mit Sachen aus dem Second-Hand-Laden, einem völlig abgefahrenen Hobby, 20-jährige Erfahrung als Weltenbummler vorzuweisen hat, dem bleiben nur zwei Möglichkeiten: sich bei einer unsäglichen Castingshow bloßstellen, um Aufmerksamkeit zu bekommen oder halt eine Lebensmittelunverträglichkeit.

So, ich esse jetzt ein Steak.

Bildquelle: pixabay.com.

Autor: Benjamin Blum

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