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07.04.2014 | | Musik

Und wenn ein Lied… von Ohrwurmzüchtern und Gehirnmusik

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Das Leben ist nicht wie eine Schachtel Pralinen, sondern wie eine riesige Jukebox, bei der jemand auf Zufallswiedergabe gedrückt hat. Dafür muss man nicht mal musikalisch sein, kein Instrument spielen oder gar singen können. In Musik verliebt zu sein, reicht schon für eine umfangreiche Ohrwurmzucht, die in jeder nur erdenklichen Situation passende Töne durch die Gehirnwindungen jagt. Das Tolle am Soundtrack des Lebens: Man weiß nie, was man kriegt – die Lieder ploppen einfach auf und zerplatzen bald danach wieder wie Seifenblasen, um Platz für den nächsten Song zu machen. Das führt natürlich auch gerne mal dazu, dass die Melodien und gesungenen Worte, die einem in den Sinn kommen, nicht unbedingt zum persönlichen Musikgeschmack passen. Unsere mentale Jukebox spuckt einfach alles aus – Rock, Pop, Schlager, Hip Hop, Dance oder auch Werbejingles wechseln sich munter ab.

Ein Beispiel: Nach dem Aufwachen drücken schon die Beatles im Kopf auf Play und singen „Good Morning, Good Morning“. Ein Blick aus dem Fenster ruft Die Ärzte auf den Plan, die verkünden: Der Himmel ist blau und der Rest deines Lebens liegt vor dir. Raus aus den Federn, rein in die Blue Suede Shoes und ab nach draußen. Hier kommt die Sonne und macht uns happy, happy, happy – hip hip Hurra, alles ist super, alles ist wunderbar. Wäre heute nicht just another manic monday, würden wir Samba tanzen, Samba, Samba, die ganze Nacht. Stattdessen geht es zur Arbeit – auch wenn Arbeit nervt. Denn es müssen Entscheidungen getroffen und Fragen beantwortet werden. Hast du etwas Zeit für mich? Ja… äh nein… ich mein… Jein! „I want to get away, I want to fly away“, geht einem da schonmal durch den Kopf.

Endlich Mittagspause, aber no money, money, money im Portemonnaie. Bis auf 16 Dollar aus dem letzten USA-Urlaub mit diesem American Boy. Na ja, wenigstens gab es zum Frühstück ein belegtes Brot mit Schinken und ein belegtes Brot mit Ei. Wo ist bloß der eisgekühlte Bommerlunder, wenn man ihn braucht? Whiskey in the jar würde es auch tun.

Oh Feierabend, wie das duftet! Blöd nur, dass es mittlerweile regnet – leider keine Männer, lediglich raindrops keep falling on my head. Pitschpatsch nass flieht man unter das Vordach eines Fachgeschäfts und denkt an jemanden, wie immer, wenn es regnet. In diese Gedanken versunken merkt man kaum, dass man ganz Sinatra-like im Regen singt. Langsam hört es auf, die clouds in the sky lichten sich und der Sunshine Reggae beginnt von vorne. Aber man wusste ja sowieso: After the showers the sun will be shining.

Zeit für etwas Sport, let’s get physical! Im Hinterkopf läuft unablässig die Titelmusik von Rocky, die einem hilft, ins Auge des Tigers zu blicken. Leider geil.

Und abends, wenn die Sonne untergeht, erklingen laute Gitarren, James Hetfield lässt uns wissen: exit light, enter night. „Turn the lights down low“ singt es im Kopf, während wir es uns mit einem Glas Griechischem Wein gemütlich machen. Bevor wir einschlafen, hoffen wir, dass Mr. Sandman uns einen Traum bringt und ihn zum süßesten macht, den wir je gesehen haben.

So oder ähnlich sieht ein ganz normaler Tag mit Gehirnmusik aus. Die Jukebox ist eigentlich nie wirklich ausgeschaltet. Selbst im Schlaf muss sie laufen – oder wieso wacht man oft schon morgens mit lautem Gedudel im Kopf auf? Die Ohrwürmer singen, immer und überall. Dafür lieben wir sie (meistens), selbst wenn sie sich manchmal im Ton vergreifen.

Aber wie entstehen die kleinen Biester eigentlich? Besonders häufig machen die Ohrwürmer sich bei Menschen breit, bei denen Musik starke Emotionen auslöst. Diese Menschen verfügen über ein sehr ausgeprägtes auditives Gedächtnis. Wissenschaftlern und ihren Studien zufolge, bilden sich die „sticky songs“ (klebrige Lieder), wie sie im Englischen vorwiegend genannt werden, zu mehr als 70 Prozent in Alltagssituationen. Ist man hingegen geistig oder seelisch stark angespannt, sinkt die Wahrscheinlichkeit, sich einen Ohrwurm einzufangen, erheblich. Manche Forscher glauben auch, dass das Gehirn einfach auf die Abwesenheit von Musik reagiert und sich kurzerhand selbst welche bastelt, wenn gerade keine zu hören ist. Die beste Chance, sich im Kopf breit zu machen, haben entweder Songs, die wir großartig finden oder solche, die uns besonders nerven – entscheidend ist, dass wir starke positive oder negative Bewertungen damit assoziieren. Wenn es sich obendrein noch um ein eher einfaches Lied, mit vielen Wiederholungen und einprägendem Takt handelt, gibt es für die Ohrwürmer kein Halten mehr. Beispiele sind „Life is Life“ (wer hat jetzt nicht sofort „nanananana“ in Endlosschleife im Ohr?) oder die Melodie von „Seven Nation Army“. Einmal gehört, nicht mehr vergessen.

Musik ist extrem vielschichtig: Rhythmus, Melodie, Instrumente, Klänge, Text und Lautstärke bilden eine ganze Reihe von kleinen Saugnäpfen, die sich im Gehirn festsaugen. Auch, wenn wir ein Lied nur kurz hören, reicht das bereits, um sie zu aktivieren. Unser Denkapparat singt einfach weiter, selbst wenn das Gehörte schon lange verstummt ist. Sigmund Freud war der Ansicht, dass Ohrwürmer die unbewusste Artikulation von Wünschen darstellen. Deshalb: Wenn sich das nächste mal so ein kleines Musiktierchen im Gehörgang eingenistet hat, stelle man sich einfach vor, dass es einem seine geheimen Wünsche zuflüstert. So wird selbst der nervigste Ohrwurm zu einem netten Gefährten.

Bildquelle: pixabay.com

Autor: Jasmina Luchs

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