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28.04.2014 | | Musik

Skandinavien rockt – Gitarrenklänge aus Wikingerhand

Alles Tolle kommt aus Skandinavien – zumindest wenn es um Musik geht. Na ja, günstige Möbel, schöne Menschen, sichere Autos, die weltbesten Kindergeschichten, ein einwandfreies Schulsystem, die Sauna, die eine oder andere Delikatesse (Köttbullar, Elchfleisch, Dänische Remoulade…mmhmm) und zum Quietschen niedliche Singsangsprachen sind auch nicht zu verachten. Skandinavier können irgendwie alles. Diese Erkenntnis ist sicher nicht neu, aber springt mich doch immer wieder aufs Neue an. Trotz aller vorhandenen Talente, soll es jetzt aber um Musik gehen, genauer gesagt um Rock.

Zunächst wäre allerdings zu klären, welche Länder überhaupt zu Skandinavien zählen. Geografisch gesehen, bilden Norwegen, Schweden und zum Teil Finnland die nördliche Halbinsel. Betrachtet man die Sache allerdings kulturell, historisch und sprachlich, so besteht Skandinavien aus Norwegen, Schweden und Dänemark. Manchmal werden auch noch Island und Grönland sowie die Färöer Inseln dazu gezählt. Bei unserer kleinen musikalischen Reise machen wir da aber einfach mal keinen Unterschied – jeder darf mitsingen! Übrigens ist Schweden der drittgrößte Musikexporteur der Welt. Mehr Bands und Sänger bringen nur die USA und Großbritannien unter die Leute.

Rockmusik also. Wie geschrieben, können Skandinavier eigentlich alles, aber ganz besonders gut können sie Gitarre spielen und dazu singen (dass sie dabei in der Regel auch noch hervorragend aussehen, versteht sich von selbst). Das Portfolio reicht von Alternative über Hard Rock bis hin zu Metal. Beginnen möchte ich mit einer Band, die alles vereint: Volbeat aus Dänemark.

Die Combo rund um Sänger Michael Poulsen mischt bereits seit 2001 Metal mit Rock’n’Roll, Punkrock, Country und Blues. Dabei geht es mal härter, mal softer zu, aber der Stil ist immer unverkennbar. Vor allem die Stimme von Poulsen (Elvis-Einschlag inklusive) verleiht Volbeat unheimlich viel Kraft und Wiedererkennungswert. In ihren Songs erzählen sie oft Geschichten aus dem Wilden Westen und lassen zum Beispiel berühmte Revolverhelden wie Doc Holiday wieder aufleben. Live ist die Band eine wahre Naturgewalt – laut, heiß und einfach großartig. Man ahnt es jetzt vielleicht schon: Ich bin großer Fan! Für mich vereinen die Dänen musikalisch nahezu alles, was ich mag. Wer sie noch nicht kennt, hört am besten mal in „Fallen“, „16 Dollars“ oder „Sad Man’s Tongue“ (angelehnt an den Folsom Prison Blues von Johnny Cash) rein. Auch der aktuelle Song „Lonesome Rider“, ein Duett mit der wunderbaren Sarah Blackwood von Walk Off The Earth, vom Album „Outlaw Gentlemen and Shady Ladies“ ist äußerst hörenswert.

Alternative Rock aus Schweden donnern uns Royal Republic um die Ohren. Die Jungs aus Malmö kann man wohl getrost als „nicht ganz dicht“ bezeichnen – sie sind einfach herrlich abgedreht und machen live wie auf Platte eine Menge Spaß. Auf der letzten Tour der Toten Hosen waren sie bei einigen Shows als Vorband dabei, wo ich sie in Aktion erleben durfte. Ein großes Fest! Allerdings hatte man bei Adam Grahn, dem Sänger, den Eindruck, als hätte er sich vorher eine ganze Reihe von bewusstseinserweiternden Mittelchen eingeschmissen. Vielleicht hat er aber auch einfach von Natur aus einen Sprung in der Schüssel. Trotzdem – oder gerade deswegen – rocken die Schweden ihr Publikum zu Brei. Sie spielen nicht nur ihre ziemlich coolen, teils etwas skurrilen Songs, sondern beziehen auch immer wieder die Fans mit ein. Interaktion wird hier groß geschrieben und Grahn lässt es sich nicht nehmen, seine extra gelernten deutschen Schimpfwörter fröhlich lachend in die Menge zu schmeißen. Um sich einen Eindruck zu verschaffen, empfehle ich „Tommy-Gun“, „Full Steam Spacemachine“ und „Everybody Wants to be an Astronaut“.

Etwas gediegener geht es bei Mando Diao, ebenfalls aus Schweden, zu. Bereits 1999 gründete sich die Band, die seither vor allem hierzulande, bei unseren deutschsprachigen Nachbarn, in Japan und ihrer eigenen Heimat große Erfolge verzeichnet. Sogar ein MTV Unplugged konnten die Jungs, die eine leicht arrogante Aura umgibt, für sich verbuchen. Mittlerweile habe ich sie drei Mal live gesehen und muss sagen, dass ich sie leider nicht so abfeiern kann, wie Volbeat und Royal Republic. Mando Diao merkt man sehr stark an, wenn sie selbst nicht so richtig Bock auf das jeweilige Konzert haben. Interaktion mit den Fans ist nur selten vorhanden, es wird einfach das Programm abgespult. Trotzdem zieht es mich immer wieder zu ihren Konzerten, weil die Musik – eine Mischung aus Alternative, Garage Rock und ein wenig Rock’n’Roll – nunmal einfach fantastisch ist. Songs zum Eingrooven sind zum Beispiel „Down in the Past“, „Dance with Somebody“ und „All my Senses“. Völlig ohne Gesang kommt das wunderschöne „Dalarna“ aus – die Melodie trägt uns mit sich und setzt uns auf einem Wattewölkchen ab. Diese wohlige, aber auch etwas melancholische Atmosphäre verbreitet sich jedenfalls beim Hören.
2012 veröffentlichte die Band ein rein schwedischsprachiges Album, in diesem Jahr singt sie wieder auf Englisch (Album Release 2. Mai) und geht im Juni auf Tour. Natürlich werde ich auch dieses Mal wieder dabei sein…

Wir bleiben in Schweden und werfen einen Blick auf Johnossi aus Stockholm. John Engelbert und Oskar „Ossi“ Bonde haben sich dem Indie- und Alternative Rock verschrieben. Der Sound klingt eher roh, ein bisschen dreckig und sehr eigen. Die Band drückt ihren Songs einen unverwechselbaren Stempel auf – man hört den Liedern einfach sofort an, wenn sie von Johnossi stammen. Dazu trägt natürlich nicht zuletzt die leicht kratzige Stimme von John Engelbert bei. Neben lauten kraftvollen Rocknummern verstehen sich die beiden aber auch auf ruhige, melodiöse Töne. Besonders begeistert haben mich bisher „Roscoe“ und „Gone Forever“.

Die Liste hochkarätigen Schweden-Rocks könnte man noch ewig weiterführen, aber es soll ja hier auch um den Rest Skandinaviens gehen. Daher lasse ich zum Beispiel The Hives jetzt mal unter den Tisch fallen und wende den Blick nach Finnland: Wen nehmen wir denn da… HIM? The Rasmus? Lordi? Nein, Sunrise Avenue soll’s sein – auch wenn die Jungs mittlerweile eigentlich etwas zu weichgespült sind. Spätestens seit der Teilnahme des Sängers Samu Haber an The Voice of Germany stehen auch kleine Mädchen auf die finnische Band und himmeln den süßen Blonden an. Ihre Musik ist dem Genre Soft-Rock oder auch Pop-Rock zuzuordnen. Während finnische Bands ja sonst eher zu dunklen, melancholischen Tönen greifen, geht es bei Sunrise Avenue beschwingt und ohrwurmverdächtig zu. Lieder wie „Fairytale Gone Bad“ oder „Hollywood Hills“ setzen sich direkt im Gehörgang fest – ob man will oder nicht. Und der putzige Samu mit seinem hinreißenden Akzent ist einfach extrem sympathisch.

Noch relativ frisch sind Go Go Berlin aus Dänemark. Zwar gibt es sie schon seit 2010, ihr Debütalbum „New Gold“ erschien aber erst 2013. Ihre Musik ist ein Potpourri aus klassischem, 60s- und 80s-Rock mit einem Touch Rock’n’Roll. In ihren Stil fließen zum Beispiel The Doors, Led Zeppelin, The Strokes und Kings of Leon ein. Ich habe sie erst vor kurzem entdeckt – mit ihrem Song „Raise Your Head“ haben sie mein Musikherz sofort zum Hüpfen gebracht. In ihrer Heimat gelten Go Go Berlin als eine der besten Live-Bands – wer sich selbst überzeugen möchte, kann dies zum Beispiel am 14. Mai in Berlin (103 Club) tun.

Zum Schluss vielleicht noch ein kurzer Exkurs nach Island, wo Of Monsters and Men beheimatet sind. Die Band spielt eine Mischung aus Indie- und Folk-Rock und machte 2011 mit dem Song „Little Talks“ von sich reden. Außerdem konnte man ihrem Gesang in den Kinofilmen „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ („Dirty Paws“) und „Die Tribute von Panem – Catching Fire“ (Silhouettes“) lauschen. Ihr Sound erinnert unter anderem an Mumford & Sons und lässt eher sanftere, tiefgründigere Töne anklingen.

Skandinavischen Rock vom Feinsten, aber auch andere Musikrichtungen aus aller Welt, gibt es einmal jährlich auf dem Roskilde Festival in Dänemark. Vier Tage lang heizen hauptsächlich weniger bekannte Künstler den rund 115.000 Fans ein. In diesem Jahr findet das Festival, das zu den größten Europas zählt, vom 29. Juni bis 6. Juli (das Gelände ist schon vier Tage vor dem eigentlichen Start geöffnet) statt. Neben zahlreichen dänischen und schwedischen Bands geben sich auch The Rolling Stones, die Arctic Monkeys und Damon Albarn die Ehre.

Autor: Jasmina Luchs

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