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10.02.2015 | | Kultur

Rocky Horror Show oder der Horror als Show verkleidet

Copyright: Maren Fliegner

Der Virus „Rocky Horror Show“ infizierte mich, als das Musical 1996 seinen Tourneeauftakt in Wolfsburg hatte. Eine Freundin machte zu dieser Zeit ein Praktikum im dortigen Theater und so hatten wir die Chance, nicht nur der Premiere, sondern auch Der Generalprobe beizuwohnen. Das Schicksal war auf meiner Seite, sodass ich sogar Gelegenheit hatte, dem großartigen Autor Richard O’Brien die Hand zu schütteln. Seitdem klapperte ich mehr oder weniger jede niedersächsische Klitsche ab, um das Musical immer und immer wieder sehen zu können. Ich bekam einfach nicht genug von „Timewarp“, „Sweet Transvestite“, „Hot Patootie“ & Co.

Nach der gefühlt 100-sten Vorstellung brauchte ich eindeutig eine mehrjährige Pause. Nun war es aber an der Zeit, der jahrelangen Abstinenz ein Ende zu setzen.  Die Rocky Horror Show gastiert im Augenblick im Berliner Admiralspalast und ich wollte bei dieser „rather special night“ dabei sein.

Die Rocky Horror Show im Admiralspalast 2015
Speziell war der Theaterbesuch allemal und Horror auch, aber keinesfalls so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Den Auftakt machte eine lustlose Magenta, die über die Bühne torkelte als hätte sie letzte Nacht mindestens eine Flasche Schnaps zuviel getrunken. So war das erste Lied – „Science Fiction Double Feature“ – bereits eine missglückte Vorschau darauf, was mich die nächsten knapp zwei Stunden erwarten sollte. Die Lieder wurden in überhöhter Geschwindigkeit runtergesungen, Pointen nicht einmal im Ansatz ausgespielt und die Feinheiten des Stückes aufs Mutwilligste ignoriert. Die Verlobten Brad und Janet nahmen ihre Rollen weder ernst, noch gelang es ihnen, den Zuschauern nachvollziehbar zu machen, in was für einer skurrilen Situation, sie sich in Frank N. Furters „Transsexual Transylvania“ wiederfanden. In ihrer Welt scheint es offenbar vollkommen natürlich zu sein, von einem Spießerpaar zu geilen Sexbomben zu transformieren. Dies funktioniert auf der Bühne mehr oder weniger ohne Selbstzweifel per Fingerschnipp. Nicht schön, aber wenn die es schon nicht brachten, hoffte ich, dass Frank N. Furter die absolute Bombe ist und es schafft, mich mit seinem Charisma und Charme vom Sessel zu reißen. Leider wurde auch diese Hoffnung aufs Bitterste enttäuscht. Zuerst einmal: Er war blond!!! Wie sinnlos, denn Rocky ist bereits blond, was auch sehr passend ist, um sein zurückgebliebenes, intellektuelles Leistungsvermögen zu unterstreichen. Da sollte der Star der Show nicht auch noch wasserstoffgebleicht sein. Er sah aus wie eine Trümmertranse, die sich kaum auf ihren Pumps halten konnte – bei der schlechten Körperspannung natürlich keine Überraschung. Wie auch seine lustlosen Kollegen schickte auch er sich nicht an, seine Rolle mit Leben zu füllen, sondern sang den Text in einer Geschwindigkeit, als würde er um sein Leben rennen. Teilweise waren die Lieder an der Melodie kaum zu erkennen, dies ließ nur der Text zu. Die einzigen Lichtblicke waren der Butler Riff Raff und der Erzähler (Sky Dumont). Der Butler hatte eine faszinierende Stimme und im Vergleich zur restlichen Crew, ein Verständnis für seine Rolle sowie eine Vorstellung davon, was er da auf der Bühne zu tun hatte – nämlich unterhalten und nicht langweilen. Sky Dumont war ein äußerst eleganter und auch witziger Erzähler, der selbst beschämendste Zwischenrufe souverän konterte. Aber das war’s dann auch schon.

Offenbar hinterließ die Show aber nur bei meiner Begleitung und mir einen solch desaströsen Eindruck. Das Publikum „tobte“ (verhalten) und Standing-Ovations zeugten davon, dass das, was sich da auf der Bühne abspielte, unverständlicherweise eine tolle Show gewesen sein muss.

 

Bildquelle: Maren Fliegner

Autorin: Maren Fliegner

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