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01.07.2014 | | Fashion

Primark ist nur die Spitze des Eisbergs…

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Es geht einmal mehr ein Aufschrei durch die Medien: Primark nutzt seine Näherinnen aus! Kaum ein Tag vergeht, an dem ich auf Facebook nicht darauf hingewiesen werde, welch ein schrecklicher Laden diese Billigheimer-Kette ist. Und ja, dies entspricht natürlich den Tatsachen. Aber bitte, meine Lieben, sollten wir an dieser Stelle doch mal genau unser aller Konsumverhalten überdenken, bevor wir unsere ach so geliebte moralische Keule schwingen. Aber von Anfang…
Primark ist eine irische Billig-Mode-Kette, die die Pioniere von uns aus dem London-Urlaub von vor fünf Jahren kennen. Damals konnte hierzulande noch niemand etwas mit diesem etwas sperrigen Namen anfangen.

Die Magie des Preises
Am Marble Arch erstreckte sich schon damals über gefühlte sechs Etagen ein riesiger Konsumtempel, der vollgestopft war mit extrem günstigen Klamotten. Und ja, auch ich war zwei Mal in dieser Hölle, in der Menschen mit riesigen Einkaufsnetzen auf die Jagd nach Schnäppchen gehen, sich aufgrund der überfüllten Kabinen in den Gängen umziehen, in der es nach Gummi und Weichmachern riecht, dass man Kopfschmerzen bekommt und in der man ob des enormen Andrangs mindestens eine halbe Stunde an der Kasse steht. Und ja, auch ich habe mir damals das ein oder andere Stück gekauft. Lag es an der Qualität der Sachen? Sicherlich nicht: Nach zwei Wäschen konnte man die billigen Schätze wegwerfen – Überraschung! Lag es an der Trendiness der Klamotten – naja, die spielt sich irgendwo zwischen C&A und H&M ab, ist also eher mittelmäßig. Lag es daran, dass es Primark damals noch nicht in Deutschland gab und man darum etwas „Besonderes“ in seinen Händen glaubte? Wahrscheinlich zum Teil. Lag es daran, dass die Sachen so billig waren, dass man vom Kurztrip mit einem halben neuen Kleiderschrank nach Hause kam? Bingo! Man hat sich natürlich schon damals gedacht, dass die Sachen unmöglich nachhaltig oder auf irgendeine Weise fair produziert worden sein können, aber im Rausch der Klamottenvielfalt und der unschlagbaren Preise wurden diese Gedanken schnell von Kleiderbergen überlagert.

Die Erkenntnis, dass alles seinen Preis haben sollte
Wieder in Deutschland zog man die Sachen vielleicht zwei Mal an und stellte fest, dass sie nicht nur wenig innovativ waren, sondern auch von so einer schlechten Qualität, dass sie danach schon halb auseinanderfielen. Und dann machte die erste Filiale hier in Berlin auf. Eine Chance wollte man dem irischen Modehändler noch geben. Aber schon beim Betreten der stickigen, nach Gummi riechenden Verkaufsflächen verging einem die (Shopping-)Lust. Hinzu kam, dass sich dieser Laden (fernab vom London-Flair) marketingtechnisch so schlecht präsentierte, dass C&A dagegen einem Luxustempel glich. Also schnell wieder raus. Der „das gibt es in Deutschland nicht“-Bonus war dahin, die maue Trendiness entlarvt und der Preis geht – aus eigener Erfahrung – so sehr zu Lasten der Qualität, dass ein wiederholtes Shopping bei Primark für mich ausgeschlossen ist. Und desillusioniert wie man nun schon ist, kommt einem wieder ins Gedächtnis, was man beim ersten Kauf von Primark-Schrott so geflissentlich ins gedankliche Hintereck verbannt hatte: Was verdient wohl eine Näherin?
Aber der Laden ist noch immer brechend voll und bald eröffnet ein neuer Riesen-Store am Alexanderplatz. Die „Magie“ scheint ungebrochen.

Der Skandal um Primarks Produktionsbedingungen
Und plötzlich tauchen dann in den Medien Berichte auf, dass Näherinnen aus Südostasien angeblich geheime Botschaften in die Kleidungsstücke einarbeiten, um die Käufer auf die schlechten Arbeitsbedingungen hinzuweisen, die in den Fabriken herrschen. „Forced to work exhausting overhours“ steht dort geschrieben. Was an den Botschaften wahr ist, sei dahingestellt – in Bangladesh herrscht eine Analphabethenquote von 70 Prozent und Englisch dürfte wohl erst recht niemand schreiben können, aber naja. Eines steht allerdings fest: Wer geglaubt hat, dass die Näherin eines T-Shirts für zwei Euro in China einen Stundenlohn von 8,50 verdient und damit ein sorgenfreies Leben führt, muss schon ziemlich naiv sein. Darum ist der Aufschrei auch berechtigt. Doch in Sachen Bekleidungsindustrie die moralische Keule zu schwingen, geht meist nach hinten los. Denn auch H&M produziert in den sogenannten Billiglohnländern und die dort herrschenden Bedingungen sind unvorstellbar. Ja, jetzt sagen wieder einige „aus diesem Grund kaufe ich auch bei H&M nicht“. Und wie sieht es auch mit Zara, COS (das übrigens zu H&M gehört) und Topshop aus? Guckt mal ganz genau auf das Label. Zieht man von dem Verkaufspreis der Klamotten dort die Kosten für Marketing, PR & Co. ab, dann ist man von den Sphären bei Primark – das gezielt darauf verzichtet – nicht mehr weit entfernt. Bedenkt man, dass H&M und Konsorten wahrscheinlich auch noch höhere Gewinnmargen haben, dann wählt man also zwischen Pest & Cholera. Vermutlich werden die Klamotten für alle Labels sogar von den gleichen Nähern hergestellt: Morgens wird für H&M geschuftet, mittags für Zara und abends für Topshop. Ich will hier keine Stellung für eines dieser Labels ergreifen, sondern das ganze perfide Konstrukt der Textilindustrie hinterfragen.
Und auch die, die sich für horrende Summen Klamotten von Designern kaufen, können sich mit den von ihnen ausgegebenen Euros nicht von einer Mitschuld an den Arbeitsbedingungen freikaufen. Denn auch viele High-End-Labels produzieren so billig wie möglich. Mitunter werden gar chinesische Arbeiter nach Italien eingeflogen, um das in der Modebranche so beliebte Label „Made in Italy“ auf die Produkte drucken zu können. Die Stundenlöhne sind dabei natürlich so „hoch“ wie in China…

Großer Mann, was nun?
Da fast alle Labels auf Biegen und Brechen an den Produktionskosten sparen und wir insgeheim auch nicht bereit sind, Unsummen für ein T-Shirt zu bezahlen, kann sich fast kein Verbraucher davon lossprechen, nicht zum Teil an den miserablen Bedingungen der Näherinnen schuld zu sein. Natürlich heißt dies im Umkehrschluss nicht, dass man einfach stillschweigend sagen darf, „ich kann ja nichts machen, also konsumiere ich einfach so weiter“. Aufgrund unserer leisen Befürchtung, dass es bei Primark nicht ganz so „fair“ zugeht, sollte man den Iren in diesem Wissen auch meiden – dies ist nur konsequent. Da Primark allerdings lediglich die Spitze des Eisbergs ist, sollten die selbsternannten „aufgeklärten Superverbraucher“ aufpassen, dass sie sich nicht selbst mit der moralischen Keule KO schlagen. Denn wer jetzt nur auf Primark drischt, trifft zwar einen der Richtigen, lässt aber alle anderen außer Acht. Und bei jedem wird sich im Kleiderschrank das ein oder andere Teil finden, dass sicherlich nicht „fair“ hergestellt wurde und von dem man es eigentlich auch genau weiß. Diejenigen, die am lautesten rufen, ein Shirt für zwei Euro sei sozial nicht vertretbar, haben zu 100 Prozent recht, allerdings machen sie sich unglaubwürdig, wenn sie unter ihrem Bio-Baumwoll-Shirt mit zertifizierter Herkunft einen H&M-BH für 20 Euro tragen.
Zusätzlich sollte man sich in seiner charakterlich sicherlich einwandfreien, gewissenhaften Haltung trotzdem nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Es ist nämlich die eine Seite, in der komfortablen Situation zu sein, auf die billigen Preise bei den Textilketten verzichten zu können. Viele sind dazu leider nicht in der Lage und können sich aufgrund ihrer eigenen finanziellen Situation sowie der trotzdem vorhandenen Sehnsucht nach modischer Trendiness keine Gedanken über die Arbeitsbedingungen in Südostasien machen. Wir sollten also froh sein, dass wir dies aufgrund unserer guten Jobs tun dürfen.
Danke für Eure Aufmerksamkeit!

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