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22.01.2015 | | Musik

Neues Björk-Album „Vulnicura“: Verletzlichkeit in Worte und Töne gegossen

Hintergrundbild: Marcel Schiffler. Bearbeitung: Benjamin Blum.

Eigentlich sollte erst in zwei Monaten ein Album der isländischen Sirene Björk erscheinen. Wegen eines Leaks wurde es allerdings schon heute veröffentlicht. Der fast 50-Jährigen ist mit dem bedeutungsschwangeren „Vulnicura“ ein wahres Meisterwerk der Emotionen gelungen.

Ton gewordene Gefühle
Rein musikalisch kommt die bei weitem erfolgreichste isländische Künstlerin – die im Gegensatz zu so vielen anderen dieses Prädikat verdient hat – wesentlich eingängiger daher als bei ihrem letzten Album, dem ebenfalls grandiosen Biophilia, in dem sie konzeptuell die Natur und die in ihr vorherrschenden Gewalten musikalisch perfekt darstellte – an dieser Stelle darf man zum Vergleich gerne Vivaldi anführen. Die mal glasklare, mal rauchig tiefe Stimme Björks zieht sich wie ein roter Faden durch alle Lieder und macht sie dank ihres einzigartigen Klangs zu einem wahren Erlebnis. Den Einsatz von Streichern und Elektro-Sounds hat die Künstlerin bereits in den vergangenen Alben erprobt und fügt beide doch so unvereinbar erscheinenden Gegensätze in diesem Album auf harmonische Art und Weise zusammen. Dabei entsteht ein Klanggemisch, dass zwischen brachialer Gewalt und verletzlicher Fragilität schwankt. Leichte Kost oder gar poppig ist Vulnicura dennoch bei weitem nicht.
Als Hintergrund sollte man wissen, das Björk erst seit kurzem, nach langjähriger Beziehung mit dem Künstler Matthew Barney, der auch Vater ihrer Tochter Isadora ist, als Single lebt. Wer Björk kennt, der weiß, dass ein so emotionales Erlebnis nicht nur in die Seele der so höchst emotionalen Künstlerin einschneiden wird, sondern sich auch in Form eines Sangeswerkes den Weg nach außen bahnen, in die Seelen der Hörer finden wird und auch hier ein emotionales Chaos hinterlassen wird. Im Gegensatz zu vielen anderen Sängerinnen, die über nie selbst erlebte Liebeleien singen oder über ihre kurzzeitigen „Wegwerf-Beziehungen“, ist klar, dass sich Björk Guðmundsdóttir diesem Thema auf einer viel tieferen, emotionaleren Ebene annimmt. Und dabei versteht sie es, ihr Leiden so fassbar und akustisch greifbar zu machen, dass der Schmerz im Ohr fühlbar ist und einem auf direkten Wege ins Herz schießt.

Blick in eine emotional überforderte Seele
Ein Album zum nebenbei Anhören ist Vulnicura sicherlich nicht. Gewarnt sei man ebenfalls davor, dieses Album mit Herzschmerz zu konsumieren. Björk lässt uns mit ihren Songs nicht nur an ihrer Trennung teilhaben, sie lässt uns mitleiden. Bereits in Stonemilker spürt man ihre Entwurzelung durch die Trennung. In „History of Touches“ zum Beispiel: „Alles hat seine Zeit, nichts ist verloren. Jede Umarmung, jeder Kuss, jede körperliche Vereinigung, aufbewahrt in einer Art sensorischem Speicher“. Das klingt gelesen romantisch, doch in Björks Interpretation schwingt Melancholie mit und man versteht, wie sehr es sie schmerzt, diese bislang doch so vertrauten Berührungen für immer entbehren zu müssen. Black Lake ist eine zehnminütige Anklage an ihren Ex, der ihre Schutzmauer niedergerissen, ihren Schutzschild genommen hat, die Seele zerrissen und den Geist gebrochen hat.
Björk beschwört allerdings nicht nur depressive Gefühle herauf, sondern jede Art von Gefühl, die sich in ihrer zarten Seele breit macht: Wut, Verachtung, Bitterkeit, Angst. Wie sie bereits im Opener Stonemilker haucht: „Once it was simple. One feeling at time. These abstract und complex feelings. I don’t know how to handle them.“ Was folgt, ist also ein Spiegelbild der Künstlerin mit ihrer seelisch-emotionalen Überforderung – grandios und mitfühlsam intoniert.

Ein Ende ist auch immer ein Anfang
Das, was das Album so spannend macht, ist, dass Björk mit ihm den natürlichen – wenn auch schmerzlichen – Wund- und Heilungsprozess einer Trennung nachzeichnet, den sie selbst an eigener Haut erlebt hat – und den Hörern somit begreifbar macht, dass nach diesem ein neuer Anfang steht. Sie selbst schreibt über das Album auf ihrem Facebook-Account: „First i was worried it would be too self indulgent but then i felt it might make it even more universal . and hopefully the songs could be a help , a crutch to others and prove how biological this process is : the wound and the healing of the wound . psychologically and physically . it has a stubborn clock attached to it .”

Besonders das letzte Drittel des Albums, dessen Titel sich übrigens chronologisch rund um die Trennung spannen (drei vor der Trennung, drei danach, drei nicht näher zeitlich bestimmt) ist deutlich positiver und stellt eine Überwindung des Trennungsschmerzes in Aussicht. Der Weg zu diesem Ziel ist zwar weit, aber auch dies gehört zu dem gesamten Prozess der Trennung, den das Album konzeptuell nachvollzieht. Notget beweist überdies, dass sie keinen Groll gegenüber der Vergangenheit oder Barney zeigt: “If I regret us I’m denying my soul to grow, don’t remove my pain it is my chance to heal.

Danke, für diesen hochemotionalen Parforceritt.

Das Album steht zum Download bei iTunes zur Verfügung.
Im März erscheint ein Buch über das Werk der Künstlerin (Björk: Archives).
Im New Yorker Museum of Modern Art wird darüber hinaus ebenfalls im März eine Ausstellung zum Schaffen der Künstlerin eröffnet.

Autor: Benjamin Blum

Teaserbild Hintergrund: Marcel Schifferle

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