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20.02.2014 | | Lifestyle

Klatschvieh macht (auch) Mist

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Herzlich willkommen im Studio! Hallo, liebes Publikum im Saal! Wir freuen uns, dass sie hier sind! So wurde das Studio-Publikum in den 90ern und Anfang der 00er noch liebevoll in den heiligen Hallen der TV-Shows begrüßt. Kolonnenweise wurde damals das Publikum mit Reisebussen angekarrt, sodass manchmal ein Stau vor den Studios entstand. Rentner sahen das Live-Erleben einer Gameshow als – mitunter letztes – großes Erlebnis an und Schulklassen überredeten ihre Lehrer, anstatt eine KZ-Gedenkstätte doch lieber eine Talkshow live anzusehen. Bei Themen wie „Hausfrauen im Frauenhaus“ oder  – Achtung, O-Ton – „Britt, bitte öffne meine Post – ich trau’ mich nicht“ auch nachvollziehbar… Diese Zeiten sind allerdings vorbei.

Heute gleicht der Aufenthalt in einem TV-Studio dem in einem KZ. Noch vor Beginn der Aufzeichnung werden die Zuschauer von Einheizern endlos mit den immer gleichen Parolen aufgepusht und darauf geeicht, an bestimmten Stellen zu klatschen, zu lärmen, zu buhen, betroffen zu schauen oder dem Sitznachbarn an die Wäsche zu gehen. Erinnert ein wenig an Zirkusdressur. Nicht selten dauert die eigentliche Aufzeichnung nach dieser „Einweisung“ noch etliche weitere Stunden. Essen und Trinken? Fehlanzeige! Ein Zuschauer muss aufs Klo? Pech gehabt. Sitzlehnen? Tzzzz… Herzinfarkt? Ach, bitte… Todesfall? Bitte von rechts und links stützen, damit der Tote nicht vom Sitz rutscht und ein Platz leer ist. Wie sieht das denn sonst für die Zuschauer vorm TV-Gerät aus? Ein bisschen zusammenreißen sollte man sich schon, schließlich wird man hier Teil der TV-Geschichte.

Passend hierzu auch der Begriff, der für die Zuschauer im Fachjargon benutzt wird: Klatschvieh!

Dieses wird heutzutage mitunter dafür bezahlt, in den Sendungen zu sitzen. Was sie dafür aber auf sich nehmen müssen, wird ihnen nicht verraten. Manchmal müssen die Zuschauer einen wahren Marathon über sich ergehen lassen, wenn sie erst bei Wer wird Millionär sitzen und dann quasi ohne gefragt zu werden im Nachbarstall – äh -studio – bei Cindy aus Marzahn – die wie eine Kuh ihre immer gleichen Witze wiederkäut – nachsitzen müssen, weil hier die Zuschauer fehlen.

Eine ganze Industrie hat sich um das Klatschvieh gebildet. Die Sender beauftragen Agenturen, die für das Publikum sorgen und meist auch als Einheizer fungieren. Bei Shows wie DSDS kommt das Publikum noch freiwillig – ja, fragt mich nicht – bei anderen Shows, wie Stulle Geißens Chart Show, muss der Dienstleister allerdings mit all seiner Überzeugungskunst ran: „Wer hat noch nicht, wer will noch mal? Ein Erlebnis für Jung und Alt. Hier sind die abgehalftertsten Stars längst vergangener Epochen wie im Zoo zu begaffen. Keine Sorge, hier singt keiner live.“

Erstaunlich, dass sich immer noch genug Menschen als Klatschvieh hergeben.

Danke fürs Lesen und jetzt drück mal fein den LIKE-Button, mein kleines Klickvieh.

Bidquelle: pixabay.com

Autor: Benjamin Blum

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