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20.07.2017 | | Lifestyle

Kissenparfüm, duftendes Toilettenpapier oder Kloschüsselduftblocker: Von der Besessenheit der Menschen und der Industrie nach Wohlgeruch

Ekel überkommt den Mensch bei überm Geruch.

„Nimm mich jetzt auch wenn ich stinke…“? Da dürften viele Bundesbürger eher „winke, winke und Goodbye“ sagen. Ein unangenehmer Körpergeruch mag zwar nicht in allen Fällen etwas über den Charakter aussagen, dennoch ist „Mief“ für alle unerträglich.

Zum Glück ist die Industrie – getrieben von Profitgier – besonders kreativ, wenn es darum geht, üblen Gerüchen den Garaus zu machen. Manchmal scheint sie allerdings über ihr Ziel hinaus zu schießen und erklärt sämtliche Gerüche, die nicht industriell hergestellt wurden, zu Todfeinden, die es auszumerzen gilt. Welch skurrile Blüten die menschliche Angst vor unangenehmen Gerüchen treibt, muss man sich einmal vor Augen führen.

Menschen lieben Wohlgerüche

Wie kein anderer Sinn kann uns unsere Nase von einer Sekunde auf die nächste in die Vergangenheit katapultieren. Riechen wir eine Spur Zimt oder Vanille, erinnern wir uns sofort an das Plätzchenbacken mit der Oma, am Bahnsteig muss man sofort an den Ex-Partner denken, wenn einem dessen Lieblings-Parfum in die Nase steigt. Kein Wunder also, dass wir Menschen von Düften besessen sind. Darum verwenden wir parfümierte Bodylotion, wohlriechendes Shampoo, Deo sowie Parfum und waschen unsere Wäsche mit duftendem Weichspüler. Soweit, so gut. Doch die Industrie hat mal wieder den richtigen Riecher und versteht es, uns noch weitere Produkte anzudrehen, damit wir um uns herum eine wahre Duftwelt aufbauen. Ginge es nach den Unternehmen, gäbe es nichts, was wir nicht beduften sollen.

Wer’s mag: Von Raumdüften über Wäschesäckchen bis hin zum Kühlschrankduftbäumchen

Raumdüfte stellen noch das sinnvollste Duftprodukte im Repertoire der findigen Unternehmen dar. Schließlich sorgt ein angenehmer Geruch in den eigenen vier Wänden für Wohlbefinden. Wäschesäckchen für den Kleiderschrank sind da schon fragwürdiger. Hat man nur frisch gewaschene Bekleidung im Schrank, sollte ein extra Duft hier eigentlich unnötig sein. Muffig wird es nur, wenn man schmutzige oder feuchte Wäsche einsortiert – oder wie ein Schlot bei offenem Schrank in Richtung Wollpullover qualmt. Ob dann ein kleines Wäschesäckchen allerdings den Unterschied macht…

Seit ein paar Jahren gibt es auch das beliebte Autoduftbäumchen für den Kühlschrank. OK, Münsterkäse ist für feine Näschen nichts, aber bevor man chemische Duftstoffe so nah an Lebensmitteln platziert, würde ich diese doch eher geruchshemmend in Tupperdosen verstauen – Problem gelöst. Und auch ein Deo für den Geschirrspüler kann man sich sparen, wenn man ihn nicht erst nach 15 Tagen anstellt, wenn sich bereits eine Schimmelschicht auf den Tellern gebildet hat. Gleiches gilt auch bezüglich Mülleimer- oder Staubsaugerparfüm.

Genauso stellt sich das millionenfach verkaufte Raumspray als Mogelpackung heraus. Besonders im WC überdeckt es unangenehme Gerüche meist nicht zufriedenstellend. Noch dazu ist bei den meisten Sprays nicht unbedingt von Wohldüften nicht zu sprechen. Der beißende Sprühnebel brennt in der Nase und sorgt nicht selten für Kopfschmerzen – ob das so gesund ist?

Die Kuriosa: Von Kissenparfums über Dufttoilettenpapier bis hin zum Kloschüsselparfüm

Doch wozu um alles in der Welt sollte man ein Kopfkissenparfüm benutzen? Die Frage ist, ob der Geruch beim Einschlafen nicht eher hinderlich ist.

Ebenso skurril ist das Autospray, dass einen Neuwagenduft vermitteln soll… Ernsthaft? Der Geruch eines nigelnagelneuen Kfz scheint meist von den ausdünstenden Plastikteilen zu stammen, was ohnehin gesundheitsbedenklich ist. Diesen Geruch mit chemischen Duftstoffen, die eventuell für Allergien verantwortlich sein könnten, noch länger anhalten zu lassen, ist wirklich skurril.

Doch es kommt noch dicker: Warum um alles in der Welt benötigt man duftendes Toilettenpapier? Der dezente Geruch wird sofort zunichte gemacht, wenn man das Toilettenpapier gemäß seiner ursprünglichen Bestimmung nutzt. Und ob die Duftstoffe für der zarten Pohaut nicht sogar schaden können, ist auch nicht gewiss.

Das außergewöhnlichste Produkt auf dem Duftmarkt ist der Duftblocker für die Kloschüssel. Einfach vor dem großen Geschäft ein paar Spritzer des Öls auf die Wasseroberfläche sprühen und schon sind die üblen Gerüche eingeschlossen – es funktioniert tatsächlich.

Cosi van tutte

Jedem, wie es ihm gefällt. Wer immer und überall von angenehmem – wobei sich darüber sicherlich trefflich streiten ließe – Duft umgeben sein möchte, der sollte dies auch tun. Allerdings ist Vorsicht bei der Auswahl der Stoffe geboten, mit denen man sich 24/7 einnebelt. Das Umweltbundesamt weist auf das Risiko von Unverträglichkeitsreaktionen hin. Schließlich ist über die Wirkungen von Duftstoffen auf Gesundheit und Umwelt noch recht wenig bekannt, allerdings sehr wohl, dass sie mitunter Kontaktallergien oder andere Unverträglichkeiten auslösen können. Sensible Menschen können gar Stressreaktionen zeigen. Moschusverbindungen sind außerdem schlecht abbaubar und somit eine Umweltbelastung. Ekzeme bei Hautkontakt oder allergische Symptome beim Einatmen stellen eine Gefährdung dar. Man sollte also ganz genau darauf achten, wie der Körper auf die Stoffe reagiert – und im Zweifel ist lüften besser als beduften.

Tja, an diesen Tipp sollte ich mich wohl auch halten – schließlich gehe ich der Industrie mit ihren Verlockungen und dem Versprechen von wohligem Duft auch immer wieder auf den Leim…

Quelle Teaserbild: Wikipedia. Copyright: Oscar Gustave RejlanderCharles Darwin’s „The Expression of the Emotions in Man and Animals“.

„Disgust“: Detail from Plate V, Nr. 2 and 3, from Charles Darwin’s The Expression of the Emotions in Man and Animals. From Chapter XI: Disdain—Contempt—Disgust—Guilt—Pride, etc.—Helplessness—Patience—Affirmation and negation. Self-portraits by O. G. Rejlander

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