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10.05.2016 | | Lifestyle

Kein Fleisch, kein Fett, kein Zucker, kein Alkohol: Schluss mit der Geißelung durch Selbstoptimierung!

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Irgendwie bekommt man seit einiger Zeit das Gefühl, dass wir uns in immer mehr Zwängen verstricken. Der Trend zur Selbstoptimierung hat uns einen Teil unserer Leichtigkeit, unseres Genusses und unserer Unbedarftheit genommen. Anstatt einmal ohne nachzudenken über die Stränge zu schlagen – egal ob beim Essen, Trinken oder beim Faulenzen – sind wir an einem Punkt angelangt, an dem fast alles, was wir tun, nur noch nach einem absoluten Maßstab „richtig“ oder „falsch“ ist.

Dass es immer schon richtig war, regelmäßig Sport zu treiben, sich gesund zu ernähren, nachhaltig zu leben etc. steht dabei gar nicht in Frage. Allerdings ist das Streben nach Perfektion soweit vorangeschritten, dass wir auf dem Weg dorthin zwischen den Polen „Schwarz“ und „Weiß“ keine Nuancen mehr gelten lassen. Und auch im ständigen Diskurs innerhalb der sozialen Medien, der Öffentlichkeit und der Peer Group geht es oft nur noch um Absolutismen – und diese schränken uns immer mehr ein.

Protestantischer Verzicht als zentraler Aspekt der Optimierung

Auf dem Weg zum optimalen Menschen müssen wir aus gesundheitlichen oder sonstigen Gründen auf immer mehr verzichten – auch wenn wir uns einreden, dies freiwillig zu tun, um gesünder zu leben, ist dieser Verzicht ein zentraler Bestandteil des Konzepts der Selbstoptimierung – den wir uns nur allzu gern schönreden. Fleisch, Zucker, Alkohol & Co. passen nicht in dieses Bild. Wenn man dann aber abends nach dem Sport seinen Bio-Salat sowie einen Chiapudding mit einem Glas Wasser auf dem Balkon zu sich nimmt, kommt einem doch der Gedanke, dass wir dank der Selbstoptimierung mit all ihren Implikationen – sprich: Verzicht auf allen Ebenen – nach einem zutiefst spießig-protestantischen Ideal streben.

Savoir vivre

Ein Blick zu unseren französischen Nachbarn macht uns dies umso bewusster. Beim Satz „Ich muss nach der Arbeit erst noch schnell zum Sport und bringe mir dann einen Salat mit!“ wird sicherlich für Gelächter sorgen. Die Franzosen wissen seit jeher, wie man lebt – savoir vivre. Eine Selbstgeißelung, um einem utopischen Ideal hinterherzulaufen und dafür auf irgendeinen Genuss zu verzichten? Undenkbar.

Was bringt’s?

Was genau das Ziel ist, weiß man selbst nicht so richtig. Im Grunde genommen geht es darum, Krankheiten vorzubeugen und lange gesund zu leben. Nach der Altersvorsorge ist die Gesundheitsvorsorge nun nämlich auch unser alleiniges Problem. Schwierig ist allerdings, dass selbst die beste Lebensweise kein langes, gesundes Leben garantiert. Je länger die Zeitleiste, desto mehr geht die Überlebenswahrscheinlichkeit gegen Null und die Wahrscheinlichkeit krank zu werden, steigt. Natürlich ist dies kein Freifahrtschein zum unbedarften Frönen. Eine gesunde Lebensweise wird eher zu einem gesunden Lebensabend führen als eine ungesunde. Allerdings sollten wir unser selbst aufgebautes und nur allzu krampfhaft-rigides Konstrukt von „gesund“ und „ungesund“ einmal überdenken und uns auch mal wieder etwas gönnen – und damit ist kein Chiapudding gemeint, sondern eher Chips und Pudding. Die Seele will schließlich auch gesund sein und nicht vor ständigem Verzicht verkümmern.

Eine entspanntere Haltung, wie sie uns die Franzosen vorleben, wäre sicherlich für uns alle empfehlenswert. Wir sollten wieder anfangen zu lernen, was es wirklich heißt, zu genießen. Wir müssen ja nicht immer zwanghaft dem Klischee des spaßbefreit-disziplinierten spießig-protestantischen Deutschen entsprechen, oder?

Bildquelle: pixabay.com

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