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27.06.2014 | | Lifestyle

Keene Ahnung von Berlin – Parlamentarier kennen nur den Bezirk Mitte

Im Späti bekommst Du auch nachts alles, was Du brauchst.

Nichtsahnend ist da doch ein besonders schönes Schmankerl in meinem Postfach gelandet: Es handelt sich um eine Umfrage, die die zitty 15 Jahre nach dem Regierungsumzug unter den Berliner Parlamentariern durchgeführt hat. Von den 631 befragten Bundestagsabgeordneten waren immerhin 89 bereit, sich selbst und ihren Kenntnissen über unsere wunderschöne Hauptstadt ein absolutes Armutszeugnis auszustellen. Denn ihr Wissensstand reicht kaum über das Niveau desinteressierter Tagesausflügler hinaus.

Diäten am Kudamm verballern, aber Spätis meiden
Fangen wir mal ganz harmlos an: Der Kurfürstendamm scheint für die Politiker ein attraktiver Anzugspunkt und eine gute Möglichkeit zu sein, ihre Diäten auszugeben, denn immerhin 96,5 Prozent der Abgeordneten haben sich bereits dorthin begeben. Der Görlitzer Park im bunten Szenebezirk Kreuzberg scheint mit nur 29 Prozent Besucheranteil schon weitaus uninteressanter. Überraschende 9,3 Prozent der politischen Elite haben sich immerhin schon mal ins Berghain verirrt. Obwohl das Tempelhofer Feld lange Zeit beherrschendes Thema war, haben 43 Prozent der Parlamentarier es nicht für nötig befunden, sich selbst einen Eindruck vom Gelände zu verschaffen. Unglaublich aber wahr: 27 Prozent der Bundestagsabgeordneten haben noch nie einen Späti von innen gesehen. Was ist denn da los? Schickt ihr auf Kosten der Steuerzahler eure Fahrer oder sonstige Helfer los, wenn Wein, Zigaretten oder Chips ausgegangen sind?

Abgeordnete lieben Berlins Vielfalt… in Mitte
Die Antworten auf die Frage nach den Lieblingsplätzen haben mich dann aber doch noch mehr erheitert. Zusammengenommen ergibt sich daraus das Who is Who der typischen Touristenanlaufstellen: Für 14 Prozent der Bundestagsabgeordneten ist der Reichstag ihr Lieblingsplatz, gefolgt vom Gendarmenmarkt (7,8 Prozent), dem Tiergarten (7,8 Prozent) und dem Pariser Platz mit dem Brandenburger Tor (5,2 Prozent). Insbesondere vor dem Hintergrund, dass 100 Prozent der Parlamentarier der CDU/CSU-Fraktion, 61,3 Prozent der SPDler, 40 Prozent der Linken und 33,3 Prozent der Grünen in Mitte wohnen, erstaunt es wenig, dass sich ihre favorisierten Locations auch in eben diesem Bezirk befinden. Bloß nicht aus dem kleinen politischen Mikrokosmos hinausbewegen, man würde sonst mit der Realität – abseits von Endlos-Diskussionen und Völlerei – konfrontiert werden. Folgerichtig mögen also 66 Prozent der politischen Berlin-Verweigerer die Vielfalt und Dynamik der Stadt, 7 Prozent haben die Berliner in ihr Herz geschlossen, genauso viele mögen das viele Grün und 5 Prozent mögen die Aufteilung in Kieze. Bei Letzteren kann es sich definitiv nicht um Angehörige der CDU/CSU-Fraktion handeln, da diese Anzug- und Kostüm-Träger sich wie die Made im Speck in Mitte festgesetzt haben und ihren „Kiez“ nicht verlassen. Außerdem muss es sich bei den Antworten um vorgegebene Optionen der zitty handeln, da die Abgeordneten von all diesen Dingen gar nicht wirklich viel mitbekommen können, halten sie sich doch stets in ihrem glatt gebügelten Mitte beziehungsweise im Reichstag auf.

Ein äußerst erschreckendes Bild, was die Entscheider unseres Landes vom Regierungssitz zeichnen. Es findet keine tatsächliche Auseinandersetzung mit der Stadt und den Menschen, die in ihr wohnen, statt. Hätte es als Antwortmöglichkeiten für die Lieblingsplätze das borchardt, Soho-House, KaDeWe und Konsorten gegeben, und hätten die Abgeordneten ehrlich geantwortet, würden diese Locations Top-Platzierungen einnehmen. Solche Menschen entscheiden also über so wichtige Themen wie Bildung, Einwanderung, Hartz IV und Rente… Hoffen wir mal, dass sie sich beim Champagner-Schlürfen im Lafayette nicht verschlucken oder ihnen im borchardt das Schnitzel im Halse steckenbleibt.

 

Bildquelle: rhodes

Autorin: Maren Fliegner

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