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02.07.2017 | | Lifestyle

Jungs in der Schönheitsfalle: Von Muskelwahn und Anabolika

Muskelaufbau, Anabolika

Was die Werbung trotz aller Vorwürfe in Jahrzehnten nicht geschafft hat, schaffen Selfies in Windeseile: Die komplette Reduzierung einer Person auf das Äußerliche. Es geht um die perfekte Zurschaustellung des eigenen Selbst – respektive der Hülle. Der gekonnte Einsatz von Farbfiltern, Lichtfall und Pose macht unvorteilhafte Polster wett und lässt ein Allerweltsgesicht eben und delikat wirken.

Um das Beste aus ihrem Äußeren herauszuholen, trägt die Damenwelt Make-up auf, flechtet sich Haarteile ein und erhungert sich einen flachen Bauch. Schönheitsideale kreiert die Jugend heute selbst – die Werbung ist dafür nicht mehr nötig. Was neu ist, ist, dass sich auch die Herren der Schöpfung einem selbstauferlegten Schönheitsdiktat unterwerfen. Immer mehr Otto-Normal-Männer posten Bilder von sich und zeigen stolz ihren trainierten Oberkörper. Wie beim Schneeballprinzip ziehen immer mehr nach. Wer mit seinem Knabenkörper nicht mithalten kann, hat Pech gehabt. Kein Wunder, dass immer mehr Teenies die Fitnessstudios belagern und vornehmlich ihre Oberkörper aufpumpen. Dies mag vielleicht weniger gesundheitsschädlich sein, als das Diäten der Damenwelt, dennoch ist übereifriges Training ohne professionelle Anleitung ein nicht zu unterschätzendes Gesundheitsrisiko. Ob nun kaputte Schultern oder Untergewicht schädlicher sind, soll an dieser Stelle keine Rolle spielen.

Wesentlich interessanter ist, dass es vielen Jungen mit dem Training offensichtlich nicht schnell genug geht. Betrachtet man die mit Akne übersäten Schultern einiger junger Männer, kommt einem sofort der Verdacht in den Sinn, dass dem Bizepswachstum hier sicherlich ein wenig nachgeholfen wurde. Und dies scheint bei jungen Männern in weit größerem Umfang Usus zu sein, als man es sich vorstellt – was diverse Experteneinschätzungen beweisen. Männer sind also ebenso oder noch mehr wie Frauen dazu bereit, ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen, um einem vermeintlichen Schönheitsideal nachzujagen. Krebs, Herzleiden, Stimmungsschwankungen, Leberschäden und Impotenz treten häufig erst Jahre nach dem Anabolika-Missbrauch auf, was viele Menschen dazu verleitet zu denken, dass eine temporäre Einnahmephase schon nicht so schlimm sein kann. Da beim Absetzen der Medikamente allerdings auch die Muskeln wieder schwinden, fällt es vielen schwer, wirklich die Finger von den gesundheitsschädlichen Substanzen zu lassen.

Die Muskelsucht der Männer ist vergleichbar mit dem Magerwahn bei Frauen. Besonders Kanäle wie Tinder, bei denen es schlicht darum geht, Sex zu haben, befeuern diesen Trend. Betrachtet man die immer gleichen Bilder aufgepumpter Männer, so kann nur der Eindruck entstehen, dass ein durchtrainierter Körper ein Garant für Erfolg beim anderen Geschlecht ist. Hat sich diese Idee erst einmal im Gehirn festgesetzt, ist eine Spirale in Gang gesetzt, die immer mehr fordert.

Waren es früher zu einem weit größeren Teil die Frauen, die sich einem gängigen Schönheitsideal unterwarfen um zu gefallen, erliegen Männer nun dem gleichen Schicksal. Bedenklich ist allerdings, dass die Medien dieses Thema bislang eher wenig behandeln. Da die gesundheitlichen Schäden erst mit zeitlicher Verspätung ans Tageslicht treten, dürfte das Thema auch erst mit eben dieser Verspätung medial beleuchtet werden. Für viele könnte das jedoch zu spät sein.

Quelle Teaserbild: pixabay.com. Copyright: bycfotografem.

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