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20.03.2014 | | Lifestyle

Ich bin bei RTL 2!!!! Bin ich jetzt berühmt?

NEIN! Was ist eigentlich mit der heutigen Welt falsch gelaufen? Überall sieht man nur noch Idioten, die sich in Casting-Sendungen blamieren, von Kameras bei bereits im Vorfeld zum Scheitern verurteilten Auswanderungsspinnereien begleiten lassen und um abgehalfterte Rosenkavaliere so mediengeil buhlen, dass Alice Schwarzer sicherlich am liebsten ihren Kopf in ihren Schweizer Banknoten vergraben würde. Liebes TV, was ist aus dir geworden? Früher kam es quasi einem Ritterschlag gleich, wenn man in den Adelsstand derer erhoben wurde, die vor einer Fernsehkamera agieren durften. Dafür musste man entweder ein besonders guter Schauspieler sein oder ein ausgewiesener Experte in einem gesellschaftlich relevanten Feld – andernfalls blieb einem die bunte Zauberwelt der Flimmerkiste verwehrt. Heutzutage hat sich dies ins komplette Gegenteil gewandelt: Die Schlüssel für den vermeintlichen Erfolg sind Idiotie, Selbstüberschätzung, Schamlosigkeit und bahnbrechende Dummheit.
Nahezu jeder darf heute vor der Kamera seinen Senf dazugeben – wenn er sich nur entsprechend darstellt/produziert. Hier die absoluten Tipps, um definitiv „ins Fernseh“ zu kommen:

Zickigkeit
Mit der gewissen Prise übertriebener Verzicktheit schafft man es auf jeden Fall in einschlägige TV-Formate. Immer für Stress sorgen, sich mit jedem anlegen und nie – wirklich nie – Einsicht zeigen. Das sorgt bei Zuschauern für Entrüstung und treibt die Quote nach oben. Mit dieser Masche schafft man es zum Beispiel bei Germany’s Next Topmodel mindestens bis knapp vors Finale – egal wie scheiße man auch aussieht. Darum ging es ja eh noch nie – ebenso ging es auch bei DSDS noch nie um Sangeskunst. Oder denkt jemand wirklich Sarah Knappik, Gina-Lisa Lohfink & Co. haben auch nur im Geringsten etwas mit einem Topmodel gemein? Auch wenn sie vielleicht das ein oder andere Mal für unbekannte, drittklassige NoName-Designer über einen mühsam zusammengeschwurbelten Laufsteg gelaufen sind… Das Wort „erfolgreich“, das viele dabei fälschlicherweise im Kopf haben, ist ein Trugschluss. Im Grunde genommen sind diese Konsortien nämlich nicht „erfolgreicher“ als unsere Frau Meyer aus der Buchhaltung, die trotz ihrer leichten Dyskalkulie trotzdem einen Job gefunden hat.

Vorgegaukelter, unglaublicher Reichtum
Dies schließt sich gerne an die Verzicktheit (siehe oben) an. Schließlich muss man für selbige ja auch einen guten Grund haben. Und Reichtum rechtfertigt die Verzicktheit fast immer – jedenfalls in den Spatzenhirnen des kamerageilen Abschaums. Wichtig hierbei ist es, so richtig auf die Kacke zu hauen. Ein super Beispiel ist diese Georgina. Lebt ein Leben in Saus’ und Braus’. Die Flüssigkeitsmengen, die einem Ärzte zum täglichen Konsum empfehlen, schluckt sie nur in Champagner herunter. Eiweiß nimmt sie über Austern zu sich – und vielleicht noch auf anderen Wegen. Dass sie in Wahrheit mit ihrer Schwester in einer kleinen Studentenbude lebt und ihre Mutter sich mit Hartz IV über Wasser halten muss, lässt dieses Kartenhaus in sich zusammenfallen. Anscheinend umgibt den Reichtum immer noch der Hauch von Unantastbarkeit. Darum schützen ihn viele Möchtegern-Promis vor, um mit allen ihren volksverdummenden Schandtaten „im Recht“ zu sein und Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wer etwas Nützliches macht, wie Kröten bei ihrer Wanderung zu helfen, hat da nix zu melden.

Dummheit
Wie ergebnisorientiert waren früher doch die Umfragen, die TV-Teams zu gesellschaftlich relevanten Themen in Fußgängerzonen durchgeführt haben? Heutzutage sind sie lediglich darauf angelegt, dumme Kommentare von Idioten einzufangen, die man einfach ungefiltert sendet. Den Befragten geht es dabei eher darum – na klar – Aufmerksamkeit zu bekommen. Je dümmer die Antwort, desto höher die Chance bei Stefan Raab zum „Star“ zu werden. Man hat fast den Eindruck, als rissen sich wasserstoffperoxid-blondierte Dummchen mit unfassbar schlecht und billig gemachten Extensions darum, ihr Unwissen vor der Kamera zum Besten zu geben. „Krim-Krise? Nisch bei uns in Bottrop. Da gehn wa imma alle hin“. Sprach’s und ließ sich hinterm Autoscooter von Ronny den nächsten Braten in die Röhre schieben.

„Un“talent
Untalentiertheit ist heute besser bekannt als „Das Supertalent“. Je weniger man kann und je aggressiver und dümmer man dies darstellt, desto besser. Damit kommt man sogar noch viel weiter als mit wirklichem Sanges-, Show- oder überhaupt Talent. Das Publikum ereifert sich heute halt lieber an Menschen, die sich selbst bloßstellen, als an denen, die wirklich etwas können.

Schamlosigkeit
Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Das ist die Devise. Seit einigen Jahren sind die Dummerele der Nation nur allzu bereit, fürs TV ihre Beine so weit zu spreizen, das man von da unten bis in ihr Hirn sehen könnte, wenn sie denn eins hätten. Die RTL2-Exklusiv-Reportage-„Reporter“ freut es. So finden sie immer genug Kandidaten, die zeigen, wie sie in der Freizeit Hobby-Pornos drehen, sich wie eine unbeholfene Planschkuh vor der Webcam Gurken in die Musch stecken, in Lack- und Leder als Hund verkleidet im Zwinger sitzen (Pet Play Fetisch) und sich beim 11. Cottbuser Swinger-Club-GangBang bis zur körperlichen Verausgabung durch die abgehalftert-prekäre Nachbarschaft vögeln – Hepatitis inklusive.
Und auch die „Scripted Reality“-Scheiber müssen sich bei der grassierenden Schamlosigkeit und medialen Aufmerksamkeitssucht keine Sorgen machen. Sie finden immer jemanden, der sich auch noch mit dem eigenen Namen – Herr, lass Hirn regnen – hergeben, arbeitslose, asoziale Idioten zu spielen, die sich in abstrusen ausgedachten Geschichten wahlweise ihrer Solariumsucht hingeben oder perverse Triebtäter spielen müssen. Die Gefahr, dass noch dümmere Idioten als sie – falls es die gibt – die Stories für bare Münze nehmen und sie für wirkliche Straftäter halten, sehen sie natürlich nicht. Hauptsache Aufmerksamkeit. Damit kann man vor seinen dämlichen Freunden halt Eindruck schinden: „Ich bin in Fernseh! Bei Familienfälle! Als besoffene Alkoholikerin, die Tiere fickt! Geil, ne?“…

Sozialer Abfall
Hier kann das Prekariat ganz groß auftrumpfen. Anstatt sich um einen Job zu kümmern, die Kinder abzuhalten, ohne Kondom zu vögeln und noch mehr Hartz-IV-Anwärter auszubrüten oder ihren Alkohol-/Drogenkonsum in den Griff zu bekommen, „spielt“ es lieber in den einschlägigen Doku-Soaps des Senders mit – ist ja auch viel sinnvoller.
Dabei nehmen sie sich ein Beispiel an Wollnys, Liebischs & Konsorten und hoffen auf eine Karriere im TV. Dafür müssen sie ihre Eigenheiten – Stichwort „Roooooobert“ – nur ständig wiederholen, um sich beim Publikum anzubiedern wie Nutten.

Und warum machen die Menschen das? Weil Aufmerksamkeit eine Art neuer Währung ist. Das Motto: Mein Leben ist zwar scheiße, ich bin pleite, dumm wie Sau, habe fünf Kinder – Jeremy-Pascal, LaToya, Melody, Zachary und Shakira –, die ich nicht über die Runden bringen kann, mein Mann latzt mir jeden Abend eine runter, aber ich war im TV. Und jetzt wird alles besser. Das TV scheint für das Prekariat eine Art Heilsbringer zu sein. „Wenn ich es nur irgendwie in den Zauberkasten schaffe, wird sich alles zum Besten wenden“. Nein, ihr gebt Euch nur der Lächerlichkeit preis. Und das ist nicht cool – auch nicht, wenn ihr das behauptet, um bei realistischer Betrachtung eures Lebens nicht in Tränen auszubrechen.
Pfui, Schande auf euer Haupt (das ist der Kopf)!

 

Autor: Benjamin Blum

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