... ... ...
12.02.2015 | | Lifestyle

Guido weckt die innere Göttin/Fratze in dir

https://www.flickr.com/photos/dorena-wm/

Guido Maria Kretschmer ist wahrscheinlich der netteste Mensch, den die Modebranche zu bieten hat. Er hat für alle Shopping Queens ein offenes Ohr und auch wenn er gegen das gewählte Outfit der Kandidatin eine Sperre hat, gelingt es ihm, der „stolzen“ Kandidatin ihre Klamotte nicht völlig madig zu machen, sondern zieht mit einem charmanten Spruch auch die fashion Unbegabteste in seinen Bann. Schließlich ist sie ja sooooo nett, da ist es dann nicht weiter tragisch, dass das Outfit ein textiler Totalausfall ist.

Wer so unglaublich nett, charmant und liebenswürdig ist, muss gleich mal durch Deutschlands komplette Fernsehlandschaft gejagt werden, damit jeder, aber auch wirklich jeder über Guidos Existenz in Kenntnis gesetzt wird. Neuerdings flimmert er mit seinem neuen Format „Deutschlands schönste Frau“ über Deutschlands schönste Bildschirme.

Wir wissen alle, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt, daher ist es per se schwierig, eine Frau zu wählen, die mit ihrem Antlitz nun für den Geschmack einer ganzen Nation stehen soll. Aber wir wollen ja nicht kleinlich sein und setzen einfach mit der Definition des Begriffs „schön“ fort. Befragt man den Duden, bedeutet er:

a. von einem Aussehen, das so anziehend auf jemanden wirkt, dass es als wohlgefällig, bewundernswert empfunden wird

b. in seiner Art besonders reizvoll, ansprechend, sehr angenehm oder wohltuend auf das Auge oder Ohr wirkend

Zugegebenermaßen dachte ich bei „schön“ auch in erster Linie ans Äußere, aber das ist nicht, was der Guido mit seinem Format im Auge hat. Er will die innere Schönheit der Kandidatinnen nach außen kehren und damit jeder Frau suggerieren: „Auch du bist schön. Sei mutig, steh zu dir und erkenne deine innere Göttin.“ Ja, das muss man sagen, der Guido liebt die Frauen und das wird die ganze Sendung hindurch zelebriert. Verlässt zum Beispiel ein Küken verängstigt den Raum, weil es Angst davor hat, in sexy Posen abgelichtet zu werden, ist der Guido natürlich sofort zur Stelle und bietet ihr bereitwillig seine breite Schulter zum Ausheulen an. Weil er auch noch so unglaublich sensibel ist, weiß er in einer emotional aufgeladenen Situation wie dieser auch sofort, was er sagen muss, um die Gemüter zu beruhigen und die Wogen zu glätten.

So ist es ihm auch gelungen, dass die Sendung mehr oder weniger ohne Dramen, aber mit tränengefüllten Eimern über die Bühne ging. Hätte es da nicht die Ladies Night gegeben, zu der sich die U- und Ü-30 Damen mächtig in Schale geschmissen und miteinander um die Wette gefunkelt haben, hätte alles soooo schön sein können. Das war der Moment in dem Guido die Büchse der Pandorra geöffnet hat. Ab jetzt wurde den Ladies die knallharte „Realität“ von Deutschlands schönster Frau vor Augen geführt. Ihre Aufgabe war es, diejenige zu nominieren, die den Titel am wenigsten verdient. Die Gutmenschen, die sie alle nun mal sind, hat diese Herausforderung vollkommen schockiert und natürlich – wie sollte es anders sein – in Tränen ausbrechen lassen. Einzig Grit (65), eine Frau die schon alles gesehen hat, hatte den Mumm zu sagen, worum es dabei eigentlich geht: die Konkurrenz rauszuschmeißen. Eine Mit-Schöne kommentierte dies mit „ich muss gleich kotzen“. Dann nahm die Sendung endlich an Fahrt auf und die Ladies fuhren ihre, ohne Zweifel vorhandenen, Krallen aus. Waren sie vorher noch alle best friends, so wurde jetzt aufs Peinlichste gelästert. Dabei waren ihnen die Gefühle der anderen plötzlich völlig schnuppe, sodass sie nicht mal davor zurückschreckten, sich vor den Lästerzielen zurückzuhalten. Und da war es ganz schnell vorbei mit der vielbeschworenen inneren Schönheit, die den Großteil der Ladies in Sekundenschnelle hat zu unansehnlichen Fratzen werden lassen.

Es wird spannend dabei zuzusehen, wie es dem Format gelingt, die innere Schönheit der Kandidatinnen hervorzukehren, aber trotzdem die Trash-Formaten immanenten, quotenbringenden Zickereien einfließen zu lassen. Da tun sich Gegensätze auf, die das ganze Konzept ad absurdum zu führen drohen. Aber weil wir Frauen den Guido doch alle so lieb haben, gucken wir uns den Kram dann eben doch an, schlürfen noch zwei bis 23 Prosecco und fühlen uns zwischen den vorgeführten Trullas dann auf einmal tatsächlich wie Göttinnen.

 

Bildquelle: dorena-wm

Autorin: Maren Fliegner

... ...