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16.05.2014 | | Fashion

Das Problem können wir textil lösen…

Eine Frau Mitte 50 in silbernen Schnallen-Peeptoe-Plateau-Stilettos, einer bunt gemusterten Leggings in Pastell-Tönen, einer Jeans-Latzhosen-Hot-Pants in Asi-Waschung, deren einer Träger sexy-lasziv herabhängt, ein aus Polyester gestrickter Flusen-Pullover mit Lurexfäden (alles vom 1-Euroshop) und eine ebenfalls Mittfünfzigerin in High-Heel-Plastik-Leder-Overknees, pinker Röhrenjeans, pinkem Top, breitem 80er-Jahre-Kunstledergürtel, 50 Armreifen (alles von kik), einer 90er-Jahre-Gedenkfrisur und einem Lidstrich – oder sollten wir besser Lidbalken sagen? –, bei dem Kleopatra neidisch geworden wäre, sind keine abgehalfterten Nutten, sondern sie waren die „Stars“ der neuen Primetime-Show „Hotter than my Daughter“ mit Guido-Maria Kretschmer.

Ach ja, da waren natürlich auch noch die Töchter, die im Gegensatz zu ihren geschmacklos-schrill gestylten Muttis eher in Sack und Asche gekleidet waren. Das Konzept der Umstyling-Show ist es, die Mütter in ihren „gerupftes Huhn“-Outfits gesellschaftstauglich und ihre Aschenputtel-Töchter mit einem kleinen Farbtupfer für ihre Umwelt sichtbar zu machen.

In seiner unnachahmlich charmant-liebenswürdigen Art nahm sich uns aller Guido diesen „Mode-Notfällen“ an. Jedem anderen Designer wäre wahrscheinlich bei dem Anblick der Papageien-Mütter vor Schreck die Kotze hochgekommen. Er beweist allerdings mal wieder sein dickes Fashion-Fell, indem er sich von keiner noch so fürchterlichen ästhetischen Entgleisung pikiert zeigt. Der „Shopping-Queen“-Host, der auch gleichzeitig das neue Allround-Moderations-Flaggeschoss der RTL-Gruppe darstellt, geht wie immer sehr einfühlsam mit den Fashion-Patientinnen um, während wir Zuschauer vor Grauen die Hände vors Gesicht schlagen und aufgrund unserer Schadenfreude doch zwischen den Fingern durchluken. Die Sendung funktioniert – allerdings nur, weil wir Zuschauer uns so schön über die schrillen Muttis amüsieren können. Die mausgrauen Töchter sind lediglich Staffage und dienen zur stärkeren Emotionalisierung der Sendung, da Mutter und Tochter aufgrund ihrer Gegensätzlichkeiten starke Konflikte austragen müssen – das hat der Guido natürlich messerscharf erkannt. Wer will auch schon mit seiner runzeligen Alten, die sich wie eine abgehalfterte, verorgelte Lolita kleidet und deren Make-up scheinbar aus Beton besteht, durch die Stadt laufen? Kein Wunder, dass die Töchter sich in urbanes Camouflage hüllen, damit sie nicht gesehen werden. Aber Guido hat Rat: Denn diese komplexen Probleme kann man laut Kretschmer „textil lösen“. Aha! So einfach ist das also mit Konflikten – neue Klamotte her und alles ist tutti. Vielleicht hilft das auch bei Paaren, die sich scheiden lassen wollen. Oder wir müssen den ollen Putin mal ummodeln, dann wird der auch entspannter im Ukraine-Konflikt. Wie wäre es denn mal mit einer lockeren Haremshose für Vladimir? Dann stehen auch seine Eier nicht mehr so unter Druck. Dass die Mutter-Tochter-Probleme allerdings nur aufgrund der Klamotten bestehen, glaubt auch Guido sicherlich nicht. Man muss sich nur einmal vorstellen, welch ein Charakter in dem Papageien-Outfit steckt und welcher in dem grauen Loden. Die Kleider selbst sind da wohl nur das geringste Problem.

Die Show war kurzweilig, aber brachte nun auch keine Offenbarung. Jeder Kandidatin wurden im Schnelldurchlauf zwei Outfits gezeigt, die ihr stehen würden und mit einem dritten schwangen sie sich dann auf den Laufsteg. Eine wirkliche Beratung oder ein gemeinsames Shopping, das die alten Einkaufsgewohnheiten aufbricht, fand natürlich nicht statt. Entweder bleibt den Kandidatinnen, sich künftig nur noch in diesem einen Outfit zu präsentieren oder fortan in alte Muster zu verfallen und wieder den gleichen Ramsch zu kaufen. Ersteres wäre sicher keine gute Lösung: Kandidatin eins galoppierte in einem eleganten Etuikleid auf den Laufsteg, sicherlich kein Outfit, das zu jeder Gelegenheit passt. Ich sehe Mutti eins schon mit ihrem Etuikleid zur Dönerbude staksen. Aber wie gesagt, richtige „Lebenshilfe“, die die Kandidatinnen befähigt, sich künftig für verschiedene Anlässe passend zu kleiden, sieht das Konzept nicht vor – schade. Grundsätzlich sahen alle Kandidatinnen nach dem Umstyling wirklich besser aus – bei der Ausgangslage ist das aber auch nicht allzu schwer.

Ach ja, die Töchter. Die sahen nach dem Make-over ebenfalls besser aus, wenn auch etwas trutschig. Kandidatentocher eins ist durch Make-up um zehn Jahre gealtert, aber das ist egal, bekommt sie zuhause mit den p2-Produkten von dm ohnehin nicht alleine so hin. Die zweite Tochter hatte ein merkliches Problem mit ihrem Äußeren. Wir sprechen hier nicht von kokettierendem „ich bin so dick“, sondern wirklichen, tiefliegenden Komplexen. Als Guido sie in ein knallrotes Kleid steckte, weinte diese im Anschluss, weil sie sich in dem Ding vorgeführt fühlte. Hier hilft auch kein „Das steht dir gut“, selbst wenn es der Wahrheit entspricht. Ein Kleidungsstück muss allerdings nicht nur körperlich ausgefüllt werden, sondern auch mit der jeweiligen Persönlichkeit des Trägers. Ansonsten bleibt es eine Verkleidung. Man hat der armen Tochter angesehen, dass sie dieses Kleid vielleicht körperlich, aber eben nicht mit ihrer Person füllen konnte. Darum stand es ihr auch nicht. Und hierfür gibt es auch keine textile Lösung, sondern nur eine psychologische. Stoff ist nunmal kein Allheilmittel.

Im Hinblick auf die „junggebliebenen“ Muttis – selbst in jungem Alter sieht übrigens kein Mädchen so schrammelig aus – bleibt zu hoffen, dass beschissen gekleidet zu sein nicht auch zu einem Trend wird, um ins TV zu kommen und so seine 15 Minuten Ruhm zu ergattern.

Aber wie gesagt, Guido ist mit Herz dabei und schafft eine emotionale Beziehung zu den Teilnehmerinnen der Show – dies kann er wie kein anderer. Aber eine Sache müssen wir  an dem Designer bemängeln: Bitte in den nächsten Ausgaben die Klamotten eine Nummer größer wählen. In zu engen Sachen wirkt man immer dicker, als man eigentlich ist, aber wem sage ich das…

Autor: Benjamin Blum

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