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03.08.2017 | | Kultur,Lifestyle

Früher war alles besser… Berlin in den 80ern und 90ern

Mainzer_Straße-4-Juni1990

„Berlin ist eine der angesagtesten Städte der Welt. Täglich sprießen neue Bars aus dem Boden, junge Künstler bilden innovative Kollektive und es gibt kaum Grenzen“, so hört man es oft über die deutsche Hauptstadt.

Soweit so gut mit den Plattitüden.

Betrachte ich Bilder oder Filmaufnahmen aus dem Berlin in der Dekade vor beziehungsweise nach dem Fall der Mauer, überkommt mich allerdings immer ein enormes Fernweh nach der Stadt vergangener Tage, die ich leider nie kennengelernt habe. Klar, Berlin ist auch heute noch faszinierend und weckt einen unglaublichen Entdeckergeist, weil es immer wieder etwas Neues gibt, das man so noch nicht gesehen, probiert oder besucht hat. Im Vergleich zur Vergangenheit scheint mir Berlin dennoch unfassbar brav geworden zu sein und selbst die vielgerühmten Ecken und Kanten sind über die Jahre von den Wogen der Zeit deutlich rundgeschliffen.

Leider war ich noch zu jung und lebte in der Provinz, als man früher noch mit dem Rad an der (West-)Mauer entlangfahren konnte, während Sprayer sie über und über mit Graffitis besprühten. Damals war das besondere Gefühl der geteilten Stadt noch überall erlebbar. Dies hat auch den einzigartigen Reiz der Stadt ausgemacht. Zum Glück ist die Mauer nun Geschichte, dennoch sorgt dieser Umstand  – je länger der Mauerfall her ist – dafür, dass Berlin im Grunde immer mehr wie jede andere Großstadt wird: vegane Läden hier, Penthouse-Wohnungen dort, Yoga-Classes hier, Fitnessstudio dort. Die Globalisierung – so viele Vorteile sie uns allen bringt – sorgt nunmal leider auch dafür, dass alles immer ähnlicher wird. Und dabei bleiben zwangsläufig einige Besonderheiten auf der Strecke:

Wo sind die Punks, die früher auf dem Alexanderplatz abhingen? Heute findet dort entweder das Veganer-Festival statt oder das lieblose „Oktoberfest“. Man kann sogar mitten in der Nacht am Bahnhof Zoologischer Garten allein herumrennen ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wie gefährlich es hier einst war. Was ist mit der ursprünglichen Loveparade, einst unmittelbar mit Berlin assoziiert?

Auch die letzten Tage der wenigen verbliebenen besetzten Häuser sind gezählt. Wo sind die reichen Berliner, die in ihren kostbaren Pelzen nonchalant an den Boutiquen vorbeischlenderten und ins Kranzler einkehrten? Ersetzt von Touristen und Protzern. Was ist mit den illegalen Clubs in stillgelegten Industrieanlagen? Ersetzt von aufgemotzten Technoschuppen, die sich mit Weltruhm schmücken möchten. Früher ging es allein um den Spaß auch wenn man dafür gegen Regeln verstoßen musste. Der einzige Nervenkitzel ist heute, ob der Türsteher des angesagten Clubs einen einlässt – rebellisch und verrückt, wie Berlin immer bezeichnet wird, ist daran gar nichts – eher albern und distinktiv. Was ist mit den Bauruinen, die im früheren Ostteil der Stadt die Geschichte und das Leben in der damaligen DDR widerspiegelten? Ersetzt durch generische 0815-Eigentumswohnungen. Und auch wir selbst haben uns verändert: Heutzutage geht es um den Job, die Ernährung, die Political Correctness, Selbstoptimierung – alles dreht sich um „richtig“ und „besser“, alles ist durchdacht und überlegt, ach ja, und mit „Werten“ muss alles aufgeladen sein. Wo ist das Impulsive, das Affektive geblieben? Aus dem Rahmen zu fallen findet heutzutage nur noch als Selbstzweck zur eigenen Inszenierung statt. Und diese wird obendrein gezielt dafür genutzt, Zuziehwillige und  Investoren zu gewinnen oder Touristen anzulocken. So etwas hatte das alte Berlin nicht nötig, man war sich selbst genug.

Wo ist das Berlin der 80er und frühen 90er? Wo ist das Raue? Immer wieder versuchen Bars, Clubs etc. das „ruffe“ des alten Berlins einzufangen und designen ihre Läden im seelenlosen Retro-Chic. Allerdings stellt dies nur einen vergeblichen Versuch dar, den Geist früher Zeiten einzufangen, der allerdings unwiederbringlich verschwunden ist.

Obwohl ich es nicht kannte, fehlt mir das Berlin, das ich als authentisch bezeichne. Ich fühle mich vom ganzen Gerede von der aufregendsten Stadt der Welt betrogen, denn es dient nur dazu, sich der vermeintlichen Cooleness der eignen Heimatstadt gegenseitig zu versichern. Das wirklich coole Berlin ist schon lange passé.

Quelle Teaserbild: wikipedia.de. Bildrechte: Renate Hildebrandt, Ost-Berlin, Besetzte Häuser, Mainzer Straße, CC BY3.0

http://www.renate-hildebrandt.de

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