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03.04.2014 | | Lifestyle

Frauen an der Nadel: Hauptstadt-Tätowiererinnen, die wirklich unter die Haut gehen

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Frühling, Sonne, nackte Haut. Kaum scheinen die ersten warmen Strahlen vom Himmel, reißen die Menschen ihre Klamotten vom Leib und präsentieren all die bunten Bildchen, die ihre Körper schmücken. Was man dort sieht, ruft manchmal Bewunderung hervor, viel zu oft aber auch Verwunderung oder sogar Bestürzung. Hat diese Frau dort wirklich eine Teekanne auf dem Oberarm? Ist das ein McDonalds-Kassenzettel auf dem Unterarm? Und warum um alles in der Welt hat der Typ sich eine Brille auftätowieren lassen?! Zum Teil gehört das, was einem da so entgegenspringt, schon in ein Gruselkabinett. Noch schlimmer wird es allerdings, wenn auf der Haut verewigte Worte nur so vor Rechtschreibfehlern strotzen. „It’s get better“ oder auch „Real Love Never Die“, nicht wahr, Frau Effenberg? So mancher Promi lässt sich aber auch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte (sofern vorhanden) krakelige, unschöne Tintenformen unter die Haut stechen. Scarlett Johannson begab sich zum Beispiel in die Hände des französischen Tätowierers Fuzi Uvtpk und verließ mit einem schief-krummen Hufeisen sein Studio. Das gute Stück wurde natürlich sofort auf allen sozialen Kanälen geteilt – war ja schließlich auch gerade Trend, sich von diesem Künstler ver…ändern zu lassen.

Apropos Trend: Sich für ein Tattoo zu entscheiden, weil das Motiv gerade in ist, kann böse enden. Denn wie es ein Trend so an sich hat, bleibt man nicht der/die Einzige, der/die schlussendlich mit solch einem temporär coolen Teil durch die Gegend stolziert. Und so wird aus cool ganz schnell Mainstream und aus Mainstream ebenso schnell „Kann ich nicht mehr sehen“ oder sogar *würg*. Beispiele dafür sind das allseits beliebte Arschgeweih (im Laufe der Zeit kam auch der Begriff Schlampenstempel auf, was auf die eine oder andere Trägerin womöglich sogar zutrifft), chinesische Schriftzeichen oder – etwas aktueller – das totaaal romantische Unendlichkeits-Zeichen (die liegende Acht), bei dem eine Linie aus dem Wort „Love“ besteht. Dumm nur, dass Tattoos einen doch eigentlich aus der grauen Masse hervorstechen und nicht in ihr untergehen lassen sollten. Nachdem Bilder auf der Haut aber mittlerweile eher die Regel als die Ausnahme sind, ist es selbst mit etwas mehr Fantasie gar nicht so einfach, individuelle Motive zu finden. Dieser Umstand trifft vor allem auf Berlin zu, wo man bald mehr zugekleisterte als „nackte“ Menschen sieht und das Führen der Tattoo-Nadel fast zu einem Massenphänomen geworden ist. Für jeden Geschmack, jede Vorstellung, jede Idee gibt es in der Hauptstadt ein passendes Studio. Ob rumpelige Hinterzimmerbuden, schicke Luxusstudios, unmotivierte Fließband-Standardstecher, kreative Nadelkünstler oder populäre Fernsehtätowierer – hier gibt es nichts, was es nicht gibt. Sogar Rapper Sido hat ein eigenes Studio. Kann er stechen? Nein, tut er aber trotzdem manchmal. Seine Fans wird es wohl freuen…

Wie findet man aber nun unter hunderten Tätowierern im dicken B den richtigen für sich? Vor allem, wenn man nicht auf der Suche nach 08/15-Piekserei ist, sondern sich ausgefallene Nadelkunst wünscht? Das Internet, Mundpropaganda und erste Beratungsgespräche sind meist der Weg zum Ziel. Man kann aber natürlich auch direkt den Berliner Melder konsultieren und so von zwei echten Schätzen erfahren, die nicht nur in die Haut, sondern aus der Hauptstadt-Masse ganz besonders heraus stechen und zeigen, dass Tätowieren längst keine Männerdomäne mehr ist: Julia Rehme und Christin Knoll.

Julia schwingt ihre Nadel bei Berlin Ink Tattooing in der Invalidenstraße und verschönert ihre Kunden vornehmlich mit Aquarell-Tattoos. Sie selbst beschreibt ihren Stil als skizzenhaft, grafisch und malerisch. Was sie macht, ist Kunst, eindeutig. Der Körper wird zur Leinwand, die Nadel zum Pinsel, die Tattoo-Tinte zur Wasserfarbe. Organische und fließende Formen liegen ihr dabei besonders im Blut – ein Überbleibsel aus ihrem Modedesign-Studium. Heute zaubert sie in erster Linie Elemente aus der Natur unter die Haut. Vor allem Vögel in allen Größen, Arten und Farben flattern auf ihre glücklichen Kunden. Eine Session bei Julia ist wunderbar entspannt, sie arbeitet ruhig, zügig und detailgenau. Meiner persönlichen Wahrnehmung nach zudem noch verblüffend schmerzfrei.

Für Berlin als Standort hat sie sich entschieden, weil man hier von immer neuen Impulsen und Eindrücken umgeben ist. „Besonders schön an dieser kreativen Energie finde ich, dass sie nicht auf eine Stelle zentriert ist, sondern wie eine Welle durch die Stadt rollt und sich an immer neuen Orten manifestiert“, sagt sie. Gut für uns, dass diese Welle Julia immer wieder erfasst und sie ständig vor neuen Ideen schäumen lässt. Wer sich selbst überzeugen möchte, schaut entweder auf der Homepage von Berlin Ink vorbei oder hier: http://www.juliarehme.com/

Im Prenzlauerberg, um genauer zu sein in der Greifswalder Straße, betreibt Christin Knoll seit 2008 ihr eigenes Tattoostudio: Glorious Ink. Angefangen hat alles mit selbstgezeichneten Bildern, die sie sich hat stechen lassen. Irgendwann folgte das erste Tattoo-Equipment, die Arbeit in einem Studio und schließlich die Eröffnung eines eigenen Ladens. Mittlerweile bildet Christin erfolgreich Azubis aus und lebt ihren Traum. Ihr Stil unterscheidet sich stark von Julias: Wunderschöne, eigenwillige Frauen-Darstellungen in eher gedeckten, manchmal fast düsteren Farben, die dem Tattoo einen mystischen Touch geben, sind ihr Steckenpferd. Realistische Elemente wie Blumen und viele kleine Details verleihen den Motiven eine gewisse Leichtigkeit. Besonders ins Auge fallen dabei die überlangen Wimpern der Damen, die entweder komplett selbst kreiert oder Adaptionen bekannter Frauenfiguren – zum Beispiel Disney-Prinzessinen oder Göttinen – sind. Christin drückt ihnen allen ihren unverwechselbaren Stempel auf. Dabei werden die Tattoos in der Regel großflächig gestochen, um ihre volle Wirkung zu entfalten.

Als Schaffensort kam auch für sie nur die Hauptstadt infrage: „Berlin ist groß, bunt, lebendig, multikulturell und als Künstler eine tolle Stadt zum Leben und Arbeiten. Hier gibt es so viele tolle Tätowierer und ich wollte Teil dieses großen Ganzen werden“, erklärt Christin. Interessierte müssen sich allerdings gedulden: Die Terminvergabe erfolgt immer zu festen Zeitpunkten. Infos gibt es auf der Homepage. Um die Wartezeit zu verkürzen, kann man sich im Dawanda-Shop der Tätowiererin austoben – dort bietet sie Schmuck, Kalender, Prints und mehr an.

Wer sich in die sicheren Hände von Julia und Christin begibt, geht garantiert mit einem Unikat und Hingucker nach Hause. Selbst Trendmotive werden unter ihrer Nadel zu etwas Besonderem und Individuellem, von dem man sich gerne ein Leben lang zieren lässt.

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Julia Rehme

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Christin Knoll

Titelbild: Julia Rehme

 

Autor: Jasmina Luchs

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