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08.06.2016 | | Lifestyle

Disrupt Disruption

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Die Welt hat seit einigen paar Monaten ein neues Lieblingswort: „Disruption“ schallt es aus allen Ecken. Eine disruptive Technologie stellt dabei eine Innovation dar, die so bahnbrechend ist, dass sie bestehende Produkte oder Dienstleistungen komplett verändert oder gar verdrängt.

Das iPhone hat zum Beispiel den Handymakrt disruptet, die DVD den Videomarkt, das Auto den Transportmarkt, der zuvor von Pferdekutschen beherrscht wurde.

Das Wort Disruption ist übrigens drauf und dran, selbst disruptiv zu sein, denn es schickt sich an, die „Revolution“ zu verdrängen, die bisher das Lieblingswort aller war, wenn es darum ging, Aufmerksamkeit zu erheischen.

Das Witzige dabei ist, dass fast alle wirklich disruptiven Technologien dieses Prädikat gar nicht benötigt haben – jeder wusste sofort, dass hier etwas „Magisches“ auf den Markt gekommen ist. Heute wird alles als Disruption verkauft, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Meist handelt es sich allerdings nur um ein bereits existierendes Produkt, das um die eine oder andere Funktion erweitert wurde, die allerdings wenig Neues zu bieten hat. Um darüber hinwegzutäuschen, dass man lediglich ein leidlich abgewandeltes Produkt auf den Markt bringt, wirbt man einfach mit dem Zauberwort „disruptiv“ – wird schon keiner so genau nachschauen, ob es wirklich revolutionär ist. Jetzt mag man sagen, dass der Verbraucher selbst schuld ist, weil er ja ständig nach neuen Innovationen lechzt. Das stimmt aber nur zur Hälfte. Natürlich ist es menschlich, dass man auf Neues neugierig ist. Aber erst die Wirtschaft hat das Prinzip des „Neu“-Aufklebers entdeckt und zur Verkaufsmasche vervollkommnet. Doch über die Jahre sind immer mehr Produkte und Dienstleistungen auf den Markt gespült worden, heutzutage erscheinen fast im Stundentakt „neue“ Konsumgüter. Das schlichte Verändern der Rezeptur, neue Düfte etc. zieht allerdings nur bedingt.

Da sich mit den Jahren das „Neu“-Prädikat abgenutzt hat, kam irgendwann die Revolution dran. Als revolutionär angepriesene Produkte sind dies in über 99 Prozent nicht – wahre Revolutionen sind nun mal per se rar. Außerdem weiß jeder, was Revolution bedeutet und es ist nur allzu durchsichtig, wenn sich etwas vollkommen Unrevolutionäres („Das erste 13-lagige Toilettenpapier“) als etwas Revolutionäres verkauft. Also nahm die Industrie nur allzu gern die „Disruption“ in ihren Sprachgebrauch auf. Klingt auf jeden Fall nach etwas Großem, was genau es bedeutet, ist vielen Konsumenten sicher nicht klar. Aber auch hier gilt, dass nur etwa ein Promille aller als Disruption titulierten Technologien dieses Versprechen auch wirklich einhalten. Besonders im Internetbereich wird alles als Disruption abgefeiert, das sich nicht wehren kann.

Hat man früher einen Schornsteinfeger über die Gelben Seiten gefunden, gibt es jetzt dafür Vermittlungsplattformen. Praktisch sicherlich, aber bei genauer Betrachtung handelt es sich hier ebenso wenig um eine Disruption wie beim 13-lagigen Toilettenpapier.

Mal sehen, wann die Disruption disruptet wird und welches Label uns dann wieder Produkte, die sich auf einer Evolutionsstufe mit dem T-Rex befinden, als Raumschiff schmackhaft machen.

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