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27.06.2016 | | Lifestyle

Dinge, die die Welt nicht braucht: Volksmusiksendungen

Dit is nich' Berlin.

Die menschliche Kreativität ist so fruchtbar, dass sie neben revolutionären Errungenschaften ihres Geistes, wie etwa Tupperware, dem Thermomix oder Deutschland sucht den Superstar auch Dinge hervorgebracht hat, die die Welt nun wirklich nicht braucht. Während wohl alle den Wert der Erfindung des Kühlschranks zu schätzen wissen, gereicht derjenige von einem Selbstbräuner für Füße sicherlich nur wenigen Menschen zum Vorteil.

Zu den weniger nützlichen Kulturerrungenschaften dürften sicherlich auch die diversen Volksmusiksendungen zählen, die offensichtlich nur dazu dienen, die ewiggestrigen Zuschauer einzulullen und sie von ihrer bald bevorstehenden letzten Reise abzulenken. Es ist kaum zu unterscheiden, ob das Publikum oder die auftretenden Acts seniler sind. Während Erstere entweder völlig apathisch oder frenetisch klatschen, als wäre es ihr letzter Tag (was durchaus möglich wäre), spielen Marianne und Michael das berühmte „Mund auf, Mund zu“-Spiel. Erinnern sie sich einfach nicht mehr an ihre unzähligen Hits oder haben sie eine permanente Kehlkopfentzündung und infolgedessen ein ärztliches Gesangsverbot? In keiner anderen Show wird mehr Playback gesungen, als in den Volksmusiksendungen. Ich würde mich freuen, wenn mir mal jemand erklären könnte, warum das so ist. Vielleicht sind die Zillertaler, die Wildecker und die Oberkrainer es auch einfach Leid, ihren verquasten Schmu wieder und wieder zu singen. Kein Wunder, gibt es doch bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten beinahe mehr Volksmusikformate als Elvis-Presley-Imitatoren in Las Vegas. Und durch jede einzelne tingelt der Tross an Bands im fortwährenden Loop. Da der Volksmusikfan nichts mehr verabscheut als Veränderung, kann es also sein, dass man fünf Jahrzehnte mit den immer gleichen Liedern, die sich nur in Nuancen unterscheiden, durch die Lande zieht. Volksmusiker wie die Kastelruther Spatzen haben anscheinend eine längere Halbwertszeit als Uran.

Kein Wunder, dass man manchmal den Eindruck hat, dass die überfreundlichen Barden in den „Live“-Shows nur vordergründig so überfreundlich zu den Gästen sind – in Wahrheit zücken sie innerlich das Brecheisen, um sich endlich aus dieser „Und täglich grüßt das Murmeltier“-Endlosschleife ausbrechen zu können.

Wenn das Geld stimmt…

Beim Blick auf das Konto nach der Show sind diese Gedanken natürlich ganz schnell wieder verflogen – viel zu viel Geld schwemmen die wohlhabenden Alten in die Kassen von Stefanie Hertel, Judith und Mel & Co. Dies könnte sich mit dem sich wandelnden Rentenniveau in den kommenden Jahren allerdings ändern. Aber solange man aus den faltigen Zuschauern noch den letzten Cent pressen kann, wird gute Miene zum bösen Spiel gemacht und geherzt, dass man Angst bekommt. Für den jüngeren Zuschauer (U70) sieht es so aus, als ob die Sänger ihre Fans gar nicht wirklich ernst nehmen und sie wie kleine Kinder anstupsen und blöd von der Seite anträllern – natürlich ohne auch nur einen Ton aus den Stimmbändern zu drücken. Bestenfalls kann man davon ausgehen, dass sie ihr Publikum für possierliche Schildkröten halten, die sie sich schon immer gewünscht haben, aber aufgrund ihres 364-tägigen Tourplans nicht halten können. Schlimmstenfalls – und leider wahrscheinlicher – wollen sie sie einfach verarschen.

Im Business geht es um die heile Welt, die vorgegaukelt werden soll. Im Grunde nichts Schlimmes: Wer wünscht sich nicht auch, das Schlechte der Welt auszusperren und nur noch von herrlichen Wipfeln und der immer währenden Kraft der Liebe zu hören? Doch es ist eben nur der schöne Schein – und den lassen sich die Stars der Szene ordentlich vergolden und den Zuschauer in dem Glauben, dass die Zeit stehengeblieben ist. Was daran schlimm ist? Eigentlich nichts. Allerdings geht damit einher, dass man sich auch nicht mit seiner Weltanschauung befassen muss, die vor vierzig Jahren stehengeblieben ist.

Quelle Teaserbild: pixabay.com. Bildrechte: condesign.

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