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28.03.2014 | | Kultur

Die Gottmutter des Selfies… Cindy Sherman

Im Internet kommt man nicht mehr an ihnen vorbei. Egal ob auf Facebook, Twitter oder Instagram: Überall gucken einen dumme Visagen von selbstverliebten Menschen an, die ihr eigenes Antlitz online zur Schau stellen – möglichst noch mit einem tumb-lächerlichen Duckface. Das „Selfie“ ist zum Trendsport geworden. Selbst Barack Obama nutzt seinen langen Arm lieber um sich selbst mit dem Smartphone zu knipsen, anstatt an ihm die Drecksschergen dieser Welt wie Putin, Kim-Yong Un oder Assad verrecken zu lassen. So richtig schlimm wird es allerdings, wenn Mandy aus Bottrop – aufgrund ihrer kurzen Speckarme leider vergeblich – versucht, ihr Kugelgesicht in Gänze selbst abzulichten. Aber egal, ist halt Trend…
Dabei hat das Kind nur einen neuen Namen bekommen. Was Mandy heute Selfie nennt, kannte ihre Mutter Marianne schon Jahrzehnte unter dem weniger trendigen Begriff Selbstporträt.
Die eigentliche Königin des „Bild-von-sich-selbst-Machens“ ist auch nicht eine der modernen, zeigefreudigen „Prominenten“ wie Kim Kardashian, Beyoncé oder Cara Delevigne, sondern die amerikanische Künstlerin Cindy Sherman. Und auch geht es dieser nicht darum, sich einfach nur zur Schau zu stellen – auch wenn dies in den Köpfen vieler „Selfie-Afficionadas“ völlig unverständlich ist.
Die 60-jährige New Yorkerin blickt auf über drei Dekaden künstlerischen Schaffens zurück, dabei wurde sie bereits 1999 zu einer der zehn besten zeitgenössischen Künstler – neben unter anderen Jasper Johns und Bruce Naumann – von ARTnews gewählt und erzielt mit ihren Fotografien Höchstpreise bei Auktionen. Erst 2007 versteigerte Christie’s eine Arbeit von ihr für 2,85 Millionen Euro. Das Sujet Selbstporträt zieht sich dabei wie ein roter Faden durch ihr Œuvre. Schminke, Perücken und Kostüme helfen ihr, sich jedes Mal zwar selbst zu zeigen, dabei aber immer wieder transformiert. Für Bus Riders schlüpft sie in die Rollen fiktiver Frauen, die auf einem Stuhl vor einer kahlen Wand sitzen. Bei Untitled Film Stills inszeniert sie sich als Schauspielerin in fiktiven, klischeebehafteten Filmszenen. Auf Centerfold posiert sie in Playboy-Manier. Immer wieder geht es um bestimmte Rollenmuster, mit denen sie in ihren Bildern spielt, um die Gesellschaft aufzurütteln, diese Stereotypen zu hinterfragen. Ob als bieder-ängstliches 50er-Jahre Frauchen in der großen, gefährlichen Stadt, als durch Schönheits-OPs und Tonnen von Make-up entstelltes „Luxusweib“, das letztlich nur noch eine Abstraktion des natürlichen Ichs darstellt, oder als puppenähnliches Abziehbild eines Pin-ups.
Die Unterschiede zu den Selfies von heute und den künstlerischen Selbstporträts einer Sherman könnten folglich unterschiedlicher und offensichtlicher nicht sein: Die Künstlerin scheut erstens nicht davor zurück, sich hässlich zu zeigen, vielmehr legt sie es genau darauf an, denn sie verfolgt zweitens eine Intention mit ihren Werken: krude Rollenmuster in den Köpfen aufzubrechen. Den Selfie-Fans hingegen geht es nur darum, sich selbst darzustellen – aufreizend, lüstern, sexy. Damit stellen sie genau die Stereotypen dar, die Sherman seit Jahren anprangert – ein Kampf gegen egozentrische Windmühlen.

Eine große Retrospektive von Cindy Sherman zeigt vom 06. Juni bis 14. September das Kunsthaus Zürich.

Autor: Benjamin Blum

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