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21.02.2014 | | Kultur

Die Berliner-Melder-Redaktion: In eigener Sache

Feminist_Suffrage_Parade_in_New_York_City,_1912

Liebe Frau Becker,

liebe Frau Eul,

liebe Frau Hösel,

liebe Frau Keller,

liebe Frau Kretschmer,

liebe Frau Louis,

liebe Frau Mallmann,

liebe Frau Rasimus,

liebe Alice,

bei meiner gestrigen Internetrecherche bin ich auf Euren Artikel aufmerksam geworden, in welchem Ihr Euch geschlossen hinter Eure Chefin Alice Schwarzer stellt. Wann kämpfen Angestellte heute noch mit einer solchen Inbrunst für die Vorgesetzten, die von immergleichen anonymen „Informantinnen“ aus den 80ern, dem Spiegel und überhaupt der ganzen Welt falsch verstanden werden?

Doch nicht dieser Umstand veranlasst mich, an Euch diesen offenen Brief zu schreiben. Ich bin nämlich über folgende Stelle gestolpert, in der Ihr – ich hoffe, Ihr seid mit dem „Du“ einverstanden – das Problem durchscheinen ließt, eine neue Chefredakteurin zu finden. Die Kandidatin, die bereits nach einigen Probewochen gehen musste – pardon, von der Ihr Euch auf ausdrücklichen Wunsch der Redaktion „getrennt“ habt – scheint kein adäquater Ersatz für – auch hier erlaube ich mir das „Du“ – Alice gewesen zu sein. Weiter konnte ich lesen, dass Ihr zwar über alle Maßen froh seid, dass Alice ackere wie ein Pferd und als Eure Chefin durchhält. Dennoch schreibt Ihr, dass sich Alice ein weniger arbeitsreiches Leben vorstellen könnte – genug Geld dürfte sie ja haben. Auch nach mehreren Anläufen, eine Nachfolgerin zu finden, sitzt Alice noch immer fest im Sattel, was wohl am Verhalten der potenziellen Nachfolger lag.

Ihr seid also noch immer auf der Suche… Und nun komme ich ins Spiel. Ich möchte mich hiermit ganz offiziell auf die Stelle als Chefredakteurin bei der Emma bewerben. Ja, ich bin ein Mann – rein biologisch gesehen – dafür kann ich leider nichts. Doch wie weit ist die Emanzipation, wenn sie nicht einen männlichen Vorreiter gebrauchen kann? Einen BH trage ich wenigstens schonmal nicht, Schwestern. Was ich besser machen werde bei der Emma? Ich möchte die jungen Frauen – gerade in prekären Lebensmilieus – verstärkt für die Emanzipation interessieren. Es bringt nichts, Texte über die Emanzipation vom Bildungsbürgertum für das Bildungsbürgertum zu schreiben. Zumal diese Thematik hier zumindest soweit angekommen ist, dass man dies als kleinen Erfolg feiern kann. Vielmehr geht es darum, die „Basis“ zu erreichen – Mandy, die davon träumt, bei Germany’s Next Topmodel entdeckt zu werden und sich dafür auf ihre Brüste reduzieren lässt. Oder Ronny, für den Mandy nur dazu da ist, ihm pünktlich um sechs ein Mahl zu zaubern. Dies ist eine wichtige Zielgruppe, hier muss Aufklärung geleistet werden. Hier sehe ich das große und wichtige Potenzial. Warum geht die Emma diese Zielgruppe nicht konkret an? Mit entsprechenden Themen und auch im direkten Gespräch?

Stattdessen begnügte sich die Emma bislang bereits mehr oder minder emanzipierte Frauen anzusprechen und diese in ihrer Meinung zu bestärken. Oder ihnen Argumente an die Hand zu geben, die sie demnächst verwenden können, wenn sie sich mit ihren ebenfalls gut gebildeten Freundinnen über die Wichtigkeit der Emanzipation unterhalten. Emanzipation von unten nach oben ist mein Credo.

Ebenso wie Frau Schwarzer möchte ich auch nicht nur das Gesicht hinter dem Magazin sein, sondern diesem ebenso ein Gesicht in der – hauptsächlich medialen – Öffentlichkeit geben. Bei Lanz, Maischberger, Beckmann & Co. werde ich mich zu relevanten Themen als moralisches Bollwerk positionieren, mich eloquent zu Wort melden und stets ohne Angst vor Konfrontation alle „Gegner“ verbal in die Schranken weisen – ganz gemäß Alices Motto: Angriff ist die beste Verteidigung. Hier schlage ich ebenfalls Gesprächsrunden vor, die oben angesprochene Zielgruppen explizit mit einbeziehen. Mit allen anderen hat Alice ja bereits diskutiert, ohne dass die Emanzipation wesentlich vorangeschritten ist. Auch scheue ich mich nicht davor, als Femen-Aktivistin Aktionen durchzuführen, um so die breite Masse auf die noch immer viel zu wenig beachtete Emanzipation zu richten.

Bevor ich mich nun weiter in Ausführungen ergehe, schlage ich ein persönliches Vorstellungsgespräch vor, in dem ich Euch von mir überzeuge.

Vielleicht bin ich die bessere Alice.

P.S.: Ich habe keine Konten im Ausland.

Bildquelle: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/87/Feminist_Suffrage_Parade_in_New_York_City,_1912.jpeg by Solipsist

Autor: Benjamin Blum

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