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24.03.2014 | | Lifestyle

Der verdiente Sieg des Bösen: Wie Serien-Antihelden uns um den fiesen Finger wickeln

AXN Breaking Bad Season 5_3
Bildquelle: © 2011 Sony Pictures Television Inc. All Rights Reserved.

Manchmal ist es ein oller Wohnwagen in der Wüste von Albuquerque, manchmal eine schicke Werbeagentur in den 60er Jahren, manchmal sogar das Weiße Haus oder auch eine abgerockte Motorradwerkstatt im fiktiven Örtchen Charming – eines haben alle gemeinsam: Sie ziehen uns in ihren Bann und lassen uns nicht mehr los. Längst sind es nicht mehr Filme, die den gemütlichen Couchabend versüßen oder den verregneten Sonntag retten, sondern die immense Vielfalt an hochkarätigen US-Serien. Der Beginn dieses Trends liegt schon viele Jahre zurück. 1999 starteten die „Sopranos“, die uns in den Mafia-Alltag der gleichnamigen Familie rund um Tony Soprano entführten. Nicht weniger als 21 Emmys und fünf Golden Globes sowie die Ehrung als „Best Written TV Series“ heimste die acht Jahre lang laufende Serie ein. Das Ende war fulminant, der leider im vergangenen Jahr verstorbene James Gandolfini in seiner Rolle als Mafia-Boss überragend. Tony Soprano ist kein typischer Held – er betrügt, lügt, prügelt und tötet, gleichzeitig leidet er unter Panikattacken und ist vernarrt in Enten. Er hat ein großes Herz, das er aber – nicht zuletzt aufgrund seines „Berufes“ – meist gut versteckt. Auch wenn man als Zuschauer sicher nicht alle seine Entscheidungen gutheißt, kann man ihm nie wirklich böse sein. Er ist Sympathieträger, man liebt und leidet mit ihm, kämpft mit ihm ums Überleben.

Den strahlenden Helden, der immer richtig handelt und Gutes tut, sucht man auch in den aktuellen Serien vergeblich. Es sind die fiesen Typen, die Antihelden, die uns mitreißen. Nehmen wir zum Beispiel „Breaking Bad„: Zu Anfang ist Walter White ein armseliges Würstchen. Ein kleiner Chemielehrer, der im Traum nicht daran denken würde, sich auch nur ansatzweise illegal zu verhalten. Ein lahmer, langweiliger Typ, der den Zuschauer kaum begeistert. Doch im Laufe der Serie wandelt Walter sich in das genaue Gegenteil. Mit jeder Folge wird er böser, skrupelloser, gesetzloser – und cooler. Plötzlich ist er nicht mehr lahm, sondern furchteinflößend und eindrucksvoll. Unvergessen sein Satz „I am not in danger, Skyler. I am the danger“, der einem die Haare zu Berge stehen und gleich mehrere kalte Schauer über den Rücken laufen lässt. Dabei ist Walters Boshaftigkeit an dieser Stelle noch nicht einmal auf ihrem Höhepunkt. Mehr und mehr gerät er in einen Strudel aus Kaltblütigkeit und folgenschweren Entscheidungen, in den er auch uns mit hineinzieht. In vielen Situationen reagiert man erschrocken, erstarrt geradezu aufgrund der üblen Machenschaften, sitzt mit vor Entsetzen geweiteten Augen und offenem Mund vor dem Fernseher. Trotzdem wendet man sich nie ganz von dem früheren Chemielehrer, jetzt Drogenbaron, ab, sondern fiebert immer weiter mit und kommt nicht umhin, sich einen Rest Sympathie und Bewunderung zu bewahren.

Ein weiteres Beispiel für dieses Phänomen ist Frank Underwood aus dem erstklassigen Netflix-Erfolg „House of Cards“. Kevin Spacey ist in seiner Rolle als Abgeordneter und später Vize-Präsident über alle Maßen manipulativ und trieft nur so vor Skrupellosigkeit und Arroganz. Loyalität kennt er nur sich selbst und, bis auf kleine Ausnahmen, seiner Frau Claire gegenüber. Auf perfide Art stellt er das Weiße Haus auf den Kopf, erschleicht sich vielfach das Vertrauen verschiedenster Menschen, nur um sie letztlich für seine Zwecke und seinen unaufhaltsamen Aufstieg zu missbrauchen. Nun könnte man meinen, dass ein solcher Mistkerl auf den Zuschauer abschreckend wirkt, man ihm wünscht, endlich zu versagen oder mal so richtig auf die Nase zu fallen. Aber nein: Man findet Francis J. Underwood großartig! Seine Taten kann man auf seltsame Weise irgendwie nachvollziehen und hofft sogar ein bisschen, dass nicht alles umsonst war und er am Ende sein Ziel erreicht. Vielleicht liegt es daran, dass selbst Underwood sich trotz allem immer ein Stück Menschlichkeit bewahrt (zum Beispiel wenn er rauchend mit Claire am Fenster sitzt oder seine geliebten Rippchen isst) oder daran, dass er mit Blick in die Kamera direkt mit uns Zuschauern spricht und uns mehr in die Handlung hineinzieht, als wir es je für möglich gehalten hätten. Wir werden auf diese Weise zu Komplizen und Mitwissern – ‚mittendrin statt nur dabei‘ bekommt bei „House of Cards“ eine ganz neue Bedeutung.

Diese heimliche Liebe zum Bösen geht in der Serienwelt sogar so weit, dass man sich auf die Seite eines Serienmörders schlägt. Man kann sich das Ganze bei „Dexter“ aber auch einfach zu leicht schönreden: Dexter kann ja schließlich nichts für seine Neigung. Er ist ja eigentlich ein ganz Netter. Und überhaupt bringt er ja nur die fiesen Verbrecher um… Das ist alles richtig, aber nichtsdestotrotz ist er ein Killer. Sein „dunkler Begleiter“, wie er den mordlüsternen Teil seiner ansonsten zwar abgestumpften, aber doch eher harmlosen Persönlichkeit nennt, hat den hauptberuflichen Blutanalyse-Spezialisten der Miami Metro Police fest in seinen Krallen. Manchmal wird der Drang zu töten so groß, dass es Dexter fast um den Verstand bringt. Lange Zeit schafft er es dennoch, sein wahres Ich zu verbergen. Droht ihm jemand auf die Spur zu kommen, sorgt er dafür, dass derjenige für immer schweigt. Und wieder ist man nur kurz ob seiner Taten schockiert – im nächsten Moment klopft das Verständnis an, denn man weiß: Er hatte keine andere Möglichkeit, als genau so zu handeln.

Die Liste der von uns verehrten Antihelden, die uns manchmal, angesichts unserer zwiegespaltenen Beziehung zu ihnen, an uns selbst zweifeln lassen, ließe sich noch weiter fortführen. Ob Gemma und Jax aus „Sons of Anarchy“, Hank Moody aus „Californication“ oder Don Draper aus „Mad Men“ (wobei Letzterer am wenigsten sympathisch ist) – jeder dieser Charaktere hat seine ganz eigenen tiefen Abgründe, die uns gleichzeitig abstoßen und begeistern, die dafür sorgen, dass wir auch in der nächsten Folge wieder mitfiebern. Eine Ausnahme bildet allerdings „Game of Thrones“: Zwar gibt es auch dort diese geliebten Antihelden, denen wir mit Hingabe folgen, aber die richtig bösen Jungs hassen wir aus voller Seele. Joffrey Baratheon ist wohl das größte Arschloch, das je durch die Serienwelt gewandelt ist, jeglicher Hauch von Sympathie verpufft im Nichts. Denn er steht für den entscheidenden Unterschied: Alle anderen Antihelden haben wenigstens ein kleines Herz, ihre Handlungen sind, obwohl meist hinterhältig und gemein, oft auf gewisse Weise nachvollziehbar, sie haben Humor und verfolgen ebenso konstant wie ehrgeizig ihre Ziele. Damit kann man sich immerhin ein stückweit identifizieren. Jeder von ihnen hat irgendetwas an sich, das man mag, etwas, in dem man sich selbst oder seine verborgenen Wünsche wiederfinden kann, etwas das fasziniert. Joffrey hingegen ist das pure Böse. Ihm möchte man eigenhändig die Augen auskratzen. Jede einzelne seiner Entscheidungen und Taten ist absolut unverständlich, er genießt die Grausamkeiten, denen er andere aussetzt, mit jeder Faser seines Körpers. Als Zuschauer ist man angewidert und möchte nicht einmal versuchen, sich in irgendeiner Art und Weise mit dieser Figur zu identifizieren.

Es geht aber auch anders herum: Ein Charakter, der für andere kämpft, sich aufopfert und dem Bösen entschlossen gegenübertritt, ist gleichzeitig die Figur in der Serie, die am meisten nervt. So zum Beispiel Rick bei „The Walking Dead“. Er tut ja wirklich alles, um seine Leute zu retten und den Zombies den Garaus zu machen, trotzdem wünscht man sich manchmal, einer der Walker würde ihn endlich erwischen… Da helfen der Mut und die heldenhaften Absichten leider wenig – Ricks gequälter Gesichtsausdruck, seine Art die Waffe zu halten oder auch sein Zwang mit aller Macht seinen Willen durchzusetzen, nerven einfach. Offenbar ist es also die Mischung, die es ausmacht. Jeder von uns wünscht sich vielleicht manchmal zumindest ein klein wenig skrupelloser, durchtriebener und kaltblütiger zu sein, dabei immer den Erfolg im Sinn und das Ziel vor Augen. Vielleicht leben wir mithilfe der Seriencharaktere aber auch einfach nur unsere kleine fiese Ader aus, die mehr oder weniger ausgeprägt in jedem von uns schlummert. Indem wir vor dem Fernseher sitzen und mit Begeisterung die Antihelden feiern, dürfen wir auch selbst mal so richtig böse sein – und das ganz ohne Folgen und schlechtes Gewissen.

Bildquelle: © 2011 Sony Pictures Television Inc. All Rights Reserved.
„Breaking Bad“ wurde durchgehend als deutsche TV-Premiere auf dem Action & Entertainment Sender AXN ausgestrahlt – dort wieder zu sehen am 16. Mai, ab 22 Uhr.

Autor: Jasmina Luchs

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