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06.03.2015 | | Lifestyle

Das nackte Fiasko

Alles begann mal wieder mit einem außerordentlich genialen Plan meiner besten Freundin. In alter Yolo-Manier war sie der Meinung, wir müssten unseren Samstag aktiv nutzen, indem wir eine kleine Aktausstellung am Ostkreuz besuchen und uns in Sachen Nacktheit weiterbilden.
Dort angekommen, betraten wir einen kleinen Laden – ‚klein‘ beschreibt die Location schon sehr optimistisch – in dem ein älterer Herr saß, der allem Anschein nach den ganzen Tag nur auf uns gewartet hat. Ungebeten kamen wir direkt in den Genuss einer persönlichen Führung durch die sage und schreibe ZWEI heiligen Hallen. Mit der neuen Überzeugung: Wahre Kunst wirkt auch auf kleinem Raum, begannen wir den „Rundgang“.
Im 90er-Jahre-billig-Stil aufgenommene, nackte Menschen in Schmuddelheftchen-Pose, auf Samtstoffen drapiert, blickten uns entgegen. Begleitet von den überschwänglichen Ausführungen des älteren Herrn, waren wir vollauf damit beschäftigt, unsere Gesichtszüge zu kontrollieren. Es fällt mir bis heute schwer, die richtigen Worte für die Fotos zu finden. Grausam – ja grausam trifft’s!
Nicht in der Lage, auch nur einen positiven Satz über die Bilder zu verlieren, lenkten wir das Gespräch auf die Entstehungsgeschichte und erfuhren prompt, dass der Herr die Hälfte seiner Bilder zu DDR-Zeiten im Osten Berlins erschaffen hat. Das erklärte natürlich die altertümliche Anmutung der Fotografien. Nach einem kurzen Ausflug in die damalige Freikörperkultur, betrachtete ich noch einmal die neuere Hälfte der Bilder, die circa 30 Jahre später entstand und kam nicht umhin, auf verwirrende Weise beeindruckt zu sein. An der Machart hatte sich einfach mal gar nichts geändert. Die Tatsache, dass sich ein Mensch über einen solchen Zeitraum künstlerisch kein Stück weiterentwickelt, empfand ich seltsamerweise auch als eine Art Talent.
Abgeschlossen haben wir unseren skurrilen Ausflug mit der Zwangsbekuschelung des ebenfalls anwesenden viel zu dicken Dackels, der unsere Aufmerksamkeit mit einem trägen Schwanzwedeln quittierte. Ein ganz normaler Samstag in Berlin.

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