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03.07.2015 | | Lifestyle

Binge Watching: In Geiselhaft des TV

Noch bis vor ein paar Jahren war das Erkennungsmerkmal des Intellektuellen ein immer griffbereiter Roman von Karl Ove Knausgard oder eines ähnlich verkopften Autoren. Seit einiger Zeit wurde dieses Distinktionsmerkmal allerdings von der Fernbedienung respektive der Computermaus verdrängt. Wer heutzutage etwas auf sich und sein Gehirnschmalz hält, der betreibt Binge Watching – Koma-TV-Schauen. Früher wäre dies undenkbar gewesen, schließlich wurde das Medium TV ob seiner grobschlächtig-populistischen Seichtigkeit immer etwas schal angesehen. Neue Formate – in Form von Serien – haben dies allerdings geändert.

Dank der neuen Serien-Lust werden wir nun selbst zu Couch Potatoes, wo wir doch früher immer mit dem Finger auf die anderen zeigten. Die Produzenten verstehen es, uns mit komplexen Handlungen, wahnwitzigen Wendungen, cleveren Dialogen, ausgefeilten Charakterzeichnungen und schauspielerischen Leistungen auf höchstem Niveau zu fesseln. Man sollte dabei allerdings sagen, dass nicht jede neue gehypte Serie auch so hochklassig ist, wie uns die Werbung oder der inszenierte Hype glauben machen will – aber das ist eine andere Sache, der wir uns demnächst annehmen.

Das Problem an der neuen Serien-Lust ist, dass sie uns in Geiselhaft nimmt. War man früher von einem Film gefesselt, war nach spätestens zwei Stunden Feierabend. Eine einzelne Serienstaffel läuft meist über 13 Folgen à 45 Minuten. Bei durchschnittlich vier Staffeln kommen so ganze 39 Stunden zusammen. Wie bei einer Droge kann man allerdings schwer aufhören, wodurch schnell viele Abende und ganze Wochenenden vor das TV-Gerät verlagert werden. Bei einer Serie mag das noch kein Problem sein. Allerdings werden aufgrund des Erfolges immer neue Serien-Rennpferde in die Startbox getrieben und als neue Meisterwerke angepriesen, die es unbedingt zu schauen gilt. Mindestens eine Person im näheren Freundeskreis wird definitiv Fan dieser neuen Serie und diese bei jeder Gelegenheit als das Nonplusultra anpreisen und zum Anschauen verleiten. Im Kosmos der Serientäter kann man sich mit seinem stilsicheren Geschmack nicht nur gegenüber den GZSZ-Guckern distinguieren, sondern möchte auch „seine“ Serie gegenüber Konkurrenzformaten verteidigen. Es geht hier um Deutungshoheit bezüglich dessen, was von höchster Qualität ist.

Und schon schaut man sich die nächste Sendung an. Man wird quasi von der Serienlandschaft in Geiselhaft genommen. Und wir machen es auch noch gerne mit. Doch muss man auch zugeben, dass so manche Serie überschätzt ist. Lässt der mühsam aufgebaute Spannungsbogen in den letzten Staffelfolgen nach, weil die Autoren die Handlungsstränge selbst nicht mehr zusammenhalten können, quält man sich als Zuschauer bis zum (bitteren) Ende durch – man will ja wissen, wie es ausgeht – und mitreden können.

Breaking Bad, Game of Thrones, House of Cards, Homeland, Hannibal, American Horror Story: Was sind Eure Lieblings-Serien und welche sind nach Eurer Meinung völlig überschätzt?

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