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01.08.2017 | | Lifestyle

Berlin… ich kann dich nicht mehr sehen!

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Ich habe einen Berlin-Kater. Ich war in den letzten Tagen in Görlitz, nur 300 Kilometer von Berlin entfernt und befand mich gefühlt doch wie in einer anderen Welt. Überall scheint es ruhiger und gemächlicher zuzugehen. Liegt dies nun wirklich nur daran, dass man aus seinem Alltag ausbricht? Sicherlich ist mein heutiger Berlin-Kater auch ein „Nach dem Urlaub den ersten Tag wieder im Büro“-Kater doch trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass es auch damit zu tun hat, dass es jenseits der großen deutschen Metropolen viel entschleunigter zugeht. So sehr ich Berlin liebe, so oft kommt es mir auch vor, dass die Stadt so angespannt entspannt tut, dass es wehtut.

Berlin ist die deutsche Hauptstadt und hat bei weitem die meisten Einwohner. Doch scheinbar reicht das nicht. Auf andere internationale Metropolen wie London, Paris oder New York schielt der deutsche Hauptstädter immer besonders argwöhnisch. Der inoffizielle Titel der coolsten Hauptstadt der Welt ist nicht genug – es ist den Berlinern nach offiziell anerkannten Superlativen. Europäische Startuphochburg wäre klasse oder Fashion-City oder Finanzmetropole oder – ach, am besten alles. Mit der angeblichen Entspanntheit der Stadt hat das aber wenig zu tun. Vielmehr wirkt es, als sei Berlin das kleine Schmuddelkind, das sich immer wieder auf unangenehme Weise selbst profilieren muss, damit die wahren Metropolen ihm einen wohlwollenden Kopfstreichler verpassen. Die eigentliche Identität der Stadt und ihre Besonderheiten rücken beim ständigen Schwanzvergleich mit anderen Citys komplett in den Hintergrund. Dem gleichen Beispiel folgen viele seiner Bewohner: Berufliche Tätigkeiten werden bis ins Unermessliche hochgejubelt, die Selbstdarstellung bis ins Persiflagenhafte übersteigert und Trends schneller durchgehechelt als ein Technobeat. Doch dieses ständige „Sich-Selbst-Beweisen“ sorgt für einen enormen Stress.

Warum muss man in den Großstädten immer nach „höher, schneller, weiter“ streben und sich damit stressen? Die Angespanntheit, die man dadurch ständig mit sich herumträgt, kann nicht gesund sein – ob die vegane Großstadternährung mit Superfoods allein dagegen helfen kann? Klar, viele Menschen aus kleineren Städten staunen, wenn man mit seiner hochherrschaftlichen „Herkunft“ imponiert, aber mal ehrlich: Auch in Berlin wird nur mit Wasser gekocht und abgesehen von viel Blendwerk ist das Leben das gleiche – nur hier halt mit glutenfreier Sojamilch im Chai Latte zur Acai Bowl. Ein weiterer Unterschied ist, dass man in Berlin viel mehr aufschneiden muss, um sich zu profilieren, was auf Dauer anstrengend ist.

Nun könnte man sagen, dass man bei diesem Spiel ja nicht mitmachen muss. Allerdings wird dies schwierig, weil es zu Berlin dazugehört. Im Restaurant hört man am Nachbartisch zwangsläufig von der neusten Businessidee, die die Welt verändern wird. Auf der Suche nach einem Snack landet man zielgenau in dem angesagtesten Detox-Store, der eine neue Ära der Ernährung einläutet. Und selbst wenn man in Schlappen vor die Tür geht, muss man aufpassen, dass die Fashionblogs der Stadt nicht gleich einen neuen Modetrend ausrufen.

In der Kleinstadt ist es vermeintlich wesentlich entspannter. Zwanghafte Profilierung ist hier ebenso wenig nötig wie erwünscht. Die Stadt weiß, wer sie ist und wo sie steht und muss sich wie auch seine Bewohner nichts beweisen, um international doch bitte wahrgenommen zu werden.

Zum Glück ist der erste Arbeitstag dieser kurzen Woche fast geschafft. Vielleicht habe ich ja morgen schon weniger das Gefühl, aus der Stadt raus zu müssen. Und bis zum nächsten Urlaub sind es auch nur noch zwei Monate…

Bildquelle: pixabay.com

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